Zerkratzte Sofalehnen, aufgeraute Tapeten, abgewetzte Teppiche – das Kratzen kommt bei vielen Katzenhaushalten in die Gespräche. Kratzen ist aber kein Fehlverhalten und keine Bosheit. Es ist ein artgemäßes Grundbedürfnis mit mehreren Funktionen. Die Aufgabe als Halter:in besteht nicht darin, es abzugewöhnen, sondern es zu kanalisieren. Dieser Ratgeber erklärt, warum Ihre Katze kratzt, welche Angebote funktionieren, wie Sie Möbel schützen und warum eine chirurgische Krallenentfernung in Deutschland zu Recht verboten ist.
Warum Katzen kratzen
Das Kratzen hat bei Katzen vier biologische Funktionen:
- Krallenpflege: Katzen streifen mit dem Kratzen die äußere, abgenutzte Hornschicht ab, darunter liegt eine scharfe neue Kralle. Das gilt nur für die Vorderpfoten – an den Hinterpfoten werden die Krallen mit den Zähnen gepflegt.
- Duftmarkierung: Aus interdigitalen Drüsen zwischen den Zehenballen gibt die Katze ein Duftsignal ab, das sogenannte Feline Interdigital Semiochemical (FIS, Pageat). Zusammen mit den sichtbaren Kratzspuren entsteht eine optisch-olfaktorische Reviermarkierung.
- Stretching: Beim Ausstrecken vor dem Kratzbaum dehnt die Katze den gesamten Rücken- und Schultermuskel – Morgen-Gymnastik für den Bewegungsapparat.
- Emotionsregulation: Kratzen baut Spannung ab. Viele Katzen kratzen verstärkt nach einem kleinen Konflikt, nach dem Aufwachen oder in Erwartung von etwas Spannendem.
Eine Katze, die nicht kratzt, hat entweder sehr gute Alternativen oder ein gesundheitliches Problem. Kratzen gehört zur Katze wie das Schnurren – ein Verbot kommt nicht in Frage.
Gute Kratzangebote machen den Unterschied
Stabilität
Ein Kratzbaum, der bei jedem Zug wackelt, wird nicht genutzt. Für eine Katze ist das unsicher – und das Gehirn ordnet ein, dass dieser Ort nicht die zuverlässige Kratzfläche ist, die sie braucht. Wählen Sie Modelle mit breitem, schwerem Sockel oder an der Wand verschraubten Elementen. Für Maine-Coon-ähnliche, große Rassen dürfen es gern Einzelmodule mit Gummierung und zusätzlichem Standfuß sein.
Höhe und Orientierung
Die wichtigste vertikale Kratzfläche sollte so hoch sein, dass Ihre Katze sich komplett ausstrecken kann. Bei kleinen Katzen reichen 80 bis 100 Zentimeter, bei großen Rassen besser 1,50 Meter oder mehr. Zusätzlich lohnen sich horizontale Kratzflächen: Wellpappe-Matten, Sisalbretter, Korkbretter auf dem Boden. Viele Katzen bevorzugen eine bestimmte Orientierung – beobachten Sie, wie Ihre Katze sich instinktiv vor dem Sofa streckt, dann wissen Sie, welche Variante ergonomisch passt.
Materialien
Angebote sollten unterschiedliche Oberflächen beinhalten: Sisalseil, Sisalteppich, Wellpappe, unbehandeltes Holz mit Rinde. Jede Katze hat eine Präferenz – manche lieben den Widerstand von Sisal, andere den „Biss" von Pappe. Geben Sie mehrere Varianten in die Wohnung und beobachten Sie, was genutzt wird.
Anzahl und Platzierung
Die Faustregel „eine Kratzmöglichkeit pro Katze plus eine extra" funktioniert gut (Ellis et al., Journal of Feline Medicine and Surgery 2013). Platzieren Sie Kratzflächen dort, wo Ihre Katze tatsächlich kratzen will – neben dem Schlafplatz (Stretching nach dem Aufwachen), in Durchgangsbereichen, am Eingang zu einem neuen Zimmer und direkt neben den Möbeln, die bisher Ziel waren. Ein Kratzbaum im Keller, den niemand benutzt, ist kein Angebot.
Umleiten statt strafen
Wasserspritzer, Klapsen, laute Geräusche – Strafe wirkt bei Katzen höchstens in Ihrer Anwesenheit und bricht die Bindung. Wissenschaftlich und aus Erfahrung aus unserer Katzenabteilung gilt: Positive Verstärkung funktioniert besser.
- Belohnen, was Sie sehen möchten: Erwischen Sie Ihre Katze beim Kratzen am Kratzbaum, geben Sie sofort ein Leckerli, ein ruhiges Lob, vielleicht eine kleine Spieleinheit.
- Catnip oder Silvervine am Kratzbaum: macht das Angebot attraktiv.
- Pheromon-Diffusor (Feliway Classic mit der F3-Fraktion) entspannt die Raumstimmung und senkt das Kratzen in Stress-Situationen.
- Kratzbrett direkt am Problemmöbel: Wo Ihre Katze gekratzt hat, richtet sie sich durch Duftmarken aus. Ein Kratzbrett genau dort macht dieselbe Markierungsaktion möglich – aber mit gewollter Oberfläche.
Möbel schützen – ohne Katze gegen Möbel auszuspielen
- Doppelseitiges Klebeband auf der Sofaecke (im Fachhandel als „Sticky Paws" erhältlich oder generisches dünnes Montageband): Katzen mögen keine klebrige Pfote. Nach zwei bis vier Wochen kann das Band meist entfernt werden, weil die Gewohnheit umgelenkt ist.
- Temporäre Möbel-Abdeckungen (Plexiglas, glatte Folie) auf bereits gekratzten Flächen, bis die Alternative angenommen wird.
- Pheromon-Diffusor im Raum zur allgemeinen Entspannung.
- Ungeeignet: Aluminiumfolie ist unzuverlässig, Zitrus-Sprays können olfaktorischen Stress erzeugen und viele ätherische Öle (Teebaum, Eukalyptus, Zitrus) sind für Katzen sogar giftig.
Krallenpflege bei Wohnungskatzen
Katzen mit Freigang schleifen ihre Krallen zusätzlich an Holz, Stein und beim Klettern ab. Reine Wohnungskatzen brauchen gelegentlich Unterstützung: Alle vier bis sechs Wochen lohnt sich die Kontrolle. Kürzen Sie nur die durchsichtige Spitze, niemals das rosa sichtbare Blutgefäß (Quick). Unsicher? Lassen Sie die Krallen in der Tierarztpraxis oder bei spezialisierten Katzentherapeut:innen schneiden. Eine entspannte Gewöhnung mit Pfotenhandling im Jungkatzen-Alter zahlt sich ein Leben lang aus.
Onychektomie – in Deutschland verboten
In den USA und in einigen anderen Ländern werden Katzen noch heute die Krallen „gezogen" – das sogenannte declawing oder Onychektomie. Medizinisch gesehen ist das keine einfache Krallenentfernung, sondern eine Amputation aller zehn Zehenendglieder (P3-Phalangen) – vergleichbar mit dem Abschneiden aller Fingerendglieder beim Menschen.
In Deutschland ist der Eingriff nach § 6 Absatz 1 TierSchG ausdrücklich verboten, es sei denn, es gibt eine tierärztlich-medizinische Indikation (z. B. ein Tumor). Die Amputation aus Bequemlichkeit der Halter:innen erfüllt den Straftatbestand des § 17 Nr. 2b TierSchG – erhebliche Schmerzen ohne vernünftigen Grund. Auch in der EU ist die Onychektomie nach der Europäischen Heimtierkonvention von 1987 zum Schutz von Heimtieren untersagt.
Die Datenlage ist eindeutig: Martell-Moran und Kolleg:innen (Journal of Feline Medicine and Surgery 2018) zeigten an 274 Katzen, dass Onychektomie das Risiko für chronische Schmerzen rund siebenfach, für Unsauberkeit ebenfalls siebenfach und für Aggression vierfach erhöht. Die AAFP rät seit 2017 weltweit strikt von dem Eingriff ab. Wer eine Katze adoptieren möchte, aber Sorge um Möbel hat, setzt stattdessen auf gute Kratzangebote, Krallenpflege und ggf. die in Deutschland ebenfalls zulässigen Kralle-Aufsätze aus weichem Silikon (Soft Paws).
Im Tierheim Hannover
Unsere Katzenabteilungen sind mit mehreren Kratzbäumen, Wellpappe-Matten und Sisal-Ecken ausgestattet. Wenn eine Katze bei uns ist, bekommt sie mehrere Optionen – und wir notieren, welche sie bevorzugt. Bei der Vermittlung geben wir den Hinweis mit, welche Kratzstruktur im neuen Zuhause sinnvoll ist, und empfehlen einen Pheromon-Diffusor in den ersten vier Wochen. Weitere Hintergrundinformationen zur Einrichtung einer Wohnung für Katzen finden Sie in unseren Ratgebern Katzenhaltung und Katzenspielzeug sinnvoll einsetzen.
Fachquellen
- Ellis, S. L. H. et al. (2013): AAFP and ISFM Feline Environmental Needs Guidelines. Journal of Feline Medicine and Surgery 15, 219–230.
- Pageat, P. & Gaultier, E. (2003): Current research in canine and feline pheromones. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice 33, 187–211.
- Martell-Moran, N. K., Solano, M. & Townsend, H. G. (2018): Pain and adverse behavior in declawed cats. Journal of Feline Medicine and Surgery 20, 280–288.
- Bradshaw, J. W. S., Casey, R. A. & Brown, S. L. (2012): The Behaviour of the Domestic Cat. 2. Auflage, CABI.
- Mills, D. S. & Ramos, D. (2016): Feline behaviour problems. In: Horwitz/Mills (Hrsg.): BSAVA Manual of Canine and Feline Behavioural Medicine.
- International Cat Care: icatcare.org
- Tierschutzgesetz (TierSchG) §§ 6, 17 – gesetze-im-internet.de
