Ein Stück Schokolade, ein paar Rosinen, ein bisschen Zwiebel vom Abendessen: Viele Lebensmittel, die für uns Menschen harmlos oder sogar gesund sind, wirken bei Haustieren giftig. Besonders im Advent, zu Silvester und im Sommer mit Grillabenden häufen sich Vergiftungsfälle. Dieser Ratgeber fasst die wichtigsten giftigen Lebensmittel für Hund, Katze, Kaninchen und andere Heimtiere zusammen – mit Dosis, Symptomen und Erste-Hilfe-Hinweisen. Im Notfall zählt jede Minute: Zögern Sie nicht, eine Tierarztpraxis oder den tierärztlichen Notdienst zu kontaktieren.
Im Notfall – was tun?
Haben Sie den Verdacht, dass Ihr Tier etwas Giftiges aufgenommen hat, rufen Sie sofort eine Tierarztpraxis oder den tierärztlichen Notdienst an. Halten Sie folgende Informationen bereit: Tierart, ungefähres Gewicht, was wann in welcher Menge gefressen wurde, erste Symptome, ggf. die Verpackung oder ein Rest der Substanz.
In Deutschland gibt es keine eigene Tiernotfall-Giftnummer. Erster Ansprechpartner ist immer die Tierarztpraxis. Ergänzend beraten die humanmedizinischen Giftinformationszentren:
- GIZ Bonn (Universitätsklinikum Bonn, berät ausdrücklich auch zu Tieren): 0228 / 19240 – 24/7.
- GIZ-Nord Göttingen (zuständig für Niedersachsen, Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein): 0551 / 19240 – 24/7.
- GGIZ Erfurt: 0361 / 730 730 – 24/7.
- Tierärztliche Hochschule Hannover – Klinik für Kleintiere, Notdienst: aktuelle Rufnummern auf tiho-hannover.de.
Wichtig: Lösen Sie Erbrechen nur auf tierärztliche Anweisung aus. Bei ätzenden Substanzen, bewusstlosen oder krampfenden Tieren ist Erbrechen kontraindiziert.
Schokolade und Kakao
Das wichtigste Toxin ist Theobromin, ergänzt durch Koffein. Hunde bauen Theobromin nur sehr langsam ab; Katzen sind ebenfalls empfindlich, nehmen Schokolade aber selten freiwillig auf. Symptome treten 6 bis 12 Stunden nach Aufnahme ein: Unruhe, Hecheln, Erbrechen, Durchfall, vermehrtes Urinieren, Tachykardie bis hin zu Herzrhythmusstörungen, Krämpfen und im schweren Fall Tod durch Herzversagen.
Die toxische Dosis liegt bei rund 20 mg Theobromin pro Kilogramm Körpergewicht, letal ab etwa 100 bis 200 mg/kg. Der Gehalt variiert stark:
- Weiße Schokolade: kaum Theobromin, praktisch ungefährlich (abgesehen von Zucker/Fett).
- Vollmilchschokolade: ca. 1,5–2 mg/g.
- Zartbitter/Dunkle Schokolade: 5–15 mg/g.
- Kakaopulver, Backschokolade, Kochschokolade: bis 30 mg/g – besonders gefährlich.
Rechenbeispiel: Ein 10-kg-Hund erreicht die Symptomschwelle bei rund 200 mg Theobromin – das entspricht etwa 15 bis 40 g Zartbitterschokolade. Eine ganze Tafel dunkle Schokolade kann lebensgefährlich sein.
Trauben und Rosinen
Trauben, Rosinen, Sultaninen und Korinthen können bei Hunden ein akutes Nierenversagen auslösen. Der genaue Mechanismus war lange unklar; neuere Hinweise deuten auf Weinsäure als verantwortliches Agens (Wegenast et al., 2022). Das Besondere: Die Reaktion ist idiosynkratisch – manche Hunde vertragen kleine Mengen ohne Folgen, andere reagieren schon auf wenige Rosinen mit schwerem Nierenschaden. Eine sichere Schwellendosis existiert nicht.
Symptome treten binnen 6 bis 24 Stunden auf: Erbrechen, Appetitlosigkeit, Lethargie, verminderter Harnabsatz. Ohne Behandlung kann sich innerhalb von 48 bis 72 Stunden ein akutes Nierenversagen entwickeln. Bei jedem Verdacht: sofort zur Tierärztin, Induktion des Erbrechens und stationäre Infusionstherapie über 48 bis 72 Stunden sind die Standardtherapie.
Xylit (Birkenzucker)
Xylit findet sich in zuckerfreien Kaugummis, Bonbons, Backwaren, Zahnpasta und manchen Erdnussbutter-Sorten. Beim Hund löst Xylit eine massive Insulinausschüttung aus – anders als beim Menschen. Die Folge ist eine Hypoglykämie innerhalb von 30 bis 60 Minuten, bei höheren Dosen zusätzlich ein akuter Leberschaden.
- Hypoglykämie ab ca. 0,1 g Xylit/kg Körpergewicht.
- Leberschaden ab ca. 0,5 g/kg.
Für einen 10-kg-Hund können bereits 5 bis 6 zuckerfreie Kaugummis lebensbedrohlich werden. Symptome: plötzliche Schwäche, Zittern, Torkeln, Krampfanfälle, später Ikterus (Gelbfärbung), blutige Durchfälle. Bei Verdacht sofort zur Tierärztin – die Mortalität beim Leberversagen liegt je nach Studie über 60 %.
Zwiebel, Knoblauch, Lauch und Bärlauch
Allium-Gewächse enthalten Organosulfid-Verbindungen, die bei Hunden und Katzen eine oxidative Hämolyse mit Heinz-Körper-Anämie auslösen. Katzen sind rund dreimal empfindlicher als Hunde. Problematisch sind rohe, gekochte, getrocknete und pulverisierte Formen – auch Zwiebelsuppen, Bratensaucen, Babynahrung mit Zwiebelextrakt oder getrockneter Knoblauch in Futterzusätzen.
Toxische Dosis: ab ca. 5 g Zwiebel pro kg Körpergewicht treten Symptome auf. Knoblauch ist drei- bis fünfmal potenter – bereits ab etwa 1 g/kg gefährlich. Auch kleinere Mengen über längere Zeit können eine Anämie hervorrufen.
Symptome: Mattigkeit, blasse Schleimhäute, dunkler Urin (Hämoglobinurie), Erbrechen, erhöhte Atemfrequenz – meist 24 Stunden bis 5 Tage nach Aufnahme.
Macadamianüsse
Macadamianüsse lösen bei Hunden ein typisches, aber reversibles Vergiftungsbild aus: Hinterhandschwäche bis zur Parese, Muskelzittern, Erbrechen, Fieber. Der genaue Mechanismus ist nicht geklärt. Ab rund 2 bis 2,4 g pro kg Körpergewicht treten Symptome auf – das entspricht etwa einer Nuss pro Kilogramm Hund. Die meisten Hunde erholen sich binnen 24 bis 48 Stunden vollständig, besonders bei supportiver tierärztlicher Behandlung.
Avocado
Avocado enthält Persin. Besonders gefährdet sind Vögel (einschließlich Papageien und Wellensittichen) sowie Kaninchen und andere Heimtiere: Persin wirkt bei ihnen kardial toxisch und kann tödlich sein. Hunde und Katzen reagieren meist milder, können aber durch den hohen Fettgehalt eine Pankreatitis entwickeln. Avocado gehört für keines unserer Heimtiere in den Napf.
Alkohol und Hefeteig
Ethanol wirkt bei Haustieren stark ZNS-dämpfend: Ataxie, Orientierungslosigkeit, Erbrechen, Hypothermie, metabolische Azidose, Koma. Die letale Dosis beim Hund liegt für reinen Ethanol bei 5,5 bis 7,9 g/kg. Auch roher Hefeteig ist gefährlich: Im warmen Magen geht die Hefe auf, produziert Ethanol und CO₂ – mit doppeltem Risiko aus Alkoholvergiftung und Magendehnung bis zur Magendrehung.
Koffein
Koffein wirkt ähnlich wie Theobromin, nur stärker. Problematisch sind Kaffee, Kaffeesatz, Espressoreste, Energy Drinks, schwarzer und grüner Tee sowie Koffein-Tabletten. Symptome ab etwa 20 mg/kg, letale Dosis beim Hund bei rund 140 bis 150 mg/kg – eine einzige Koffein-Tablette kann für einen kleinen Hund kritisch sein.
Rohes Schweinefleisch und rohe Schweineknochen
Das Aujeszky-Virus (Suid Herpesvirus 1, Pseudowut) ist bei Hausschweinen in Deutschland seit 2003 offiziell eradikiert, bei Wildschweinen jedoch weiterhin nachweisbar. Bei Hund und Katze verläuft eine Infektion praktisch immer innerhalb weniger Tage tödlich – Symptome sind starker Juckreiz (der Hund „schreit" und kratzt sich wund), Speichelfluss, Verhaltensänderungen, Koordinationsstörungen. Eine wirksame Therapie existiert nicht. Verzichten Sie auf rohes Schweinefleisch, rohe Schweineknochen und Wildschwein-Reste.
Knochen
Gekochte Knochen splittern und können zu Verletzungen der Mundschleimhaut, des Rachens, des Magens oder des Darms führen – bis zur Perforation. Rohe Knochen sind weniger gefährlich, bergen aber Zoonoserisiken durch Salmonellen. Große röhrenförmige Knochen können Zähne abbrechen lassen. Kauartikel als Ersatz: getrocknete Rinderkopfhaut, Rinderohr, entsprechende Dental-Kauartikel – in Maßen und passend zur Größe.
Milch und Milchprodukte
Nicht „giftig" im toxikologischen Sinne, aber relevant: Adulte Hunde, Katzen und Kaninchen sind nach dem Absetzen meist laktoseintolerant. Milch, Sahne, Joghurt-Drops und Käse können zu Blähungen und Durchfall führen. Für Kaninchen gelten Milchprodukte als ungeeignet.
Besonderheiten bei Katzen
- Lilien (Lilium, Hemerocallis): Schon Kontakt mit Pollen, ein einzelnes Blatt oder Vasenwasser können bei Katzen ein akutes Nierenversagen auslösen. Halten Sie Lilien grundsätzlich aus Haushalten mit Katzen fern.
- Ätherische Öle (Teebaum-, Pfefferminz-, Zitrusöl, Eukalyptus): Katzen fehlt ein Enzym zum Abbau dieser Stoffe. Sowohl oral als auch über die Haut aufgenommene ätherische Öle können schwere Leberschäden verursachen. Auch Duftlampen, Raumdiffusoren und Pestizide mit ätherischen Ölen sind problematisch.
- Paracetamol ist für Katzen in praktisch jeder Dosis toxisch (Methämoglobinämie) – hier kurz erwähnt, weil es häufig versehentlich als „Fiebersenker" gegeben wird. Keine Humanmedikamente ohne tierärztliche Anordnung.
Besonderheiten bei Kaninchen und Nagern
- Avocado (Persin) – kardial toxisch.
- Rohe Bohnen und Bohnenkerne (Lektine).
- Blätter und grüne Früchte von Nachtschattengewächsen (Kartoffel, Tomate, Aubergine, Paprika – Frucht selbst ist OK).
- Schokolade, Süßigkeiten, zuckerhaltige Snacks.
- Zitrusfrüchte in größeren Mengen (zu sauer).
Im Tierheim Hannover
Wir sehen regelmäßig Vergiftungsfälle – besonders nach den Festtagen, wenn Schokolade, Rosinen in Stollen oder Glühwein im Haushalt lagen. Unser wichtigster Rat an Adoptant:innen und Halter:innen: Bewahren Sie gefährliche Lebensmittel unerreichbar auf, besonders Schokolade, Süßigkeiten, Teige, alkoholische Getränke und Zierpflanzen. Klären Sie Gäste auf, niemals „einen Happen" vom Tisch zu verfüttern. Und wenn doch einmal etwas passiert: Keine Experimente mit Hausmitteln, sondern sofort eine Tierarztpraxis oder das GIZ-Nord Göttingen anrufen. Speichern Sie die Nummer schon heute ein: 0551 / 19240.
Fachquellen
- Merck Veterinary Manual: Food Hazards. merckvetmanual.com
- Universität Zürich – Institut für Veterinärpharmakologie und -toxikologie: CliniTox Klein- und Heimtiere. vetpharm.uzh.ch
- Wegenast, C. A. et al. (2022): Acute kidney injury in dogs following ingestion of cream of tartar and tamarinds and the connection to tartaric acid as the proposed toxic principle in grapes and raisins. Journal of Veterinary Emergency and Critical Care.
- Dunayer, E. K. & Gwaltney-Brant, S. M. (2006): Acute hepatic failure and coagulopathy associated with xylitol ingestion in eight dogs. JAVMA.
- ABCD European Advisory Board on Cat Diseases: Pseudorabies Virus Infection in Cats Guidelines.
- Giftinformationszentrum-Nord Göttingen (GIZ-Nord): giz-nord.de
- Giftinformationszentrum Bonn: gizbonn.de
