Tumoren bei Hund und Katze

Ratgeber

Tumorerkrankungen bei Hund und Katze verstehen: häufige Arten, moderne Therapien und wie Halter:innen für Lebensqualität sorgen.

Krebs gehört zu den Themen, die viele Halter:innen im Zusammenhang mit dem eigenen Tier lange verdrängen. Und doch zählen Tumorerkrankungen zu den häufigsten Todesursachen bei älteren Hunden und sind auch bei Katzen die wichtigste onkologische Realität des Alters. Die gute Nachricht: Die Veterinäronkologie hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Viele Tiere leben mit einer Krebsdiagnose gut und mit spürbar verlängerter Lebenszeit. Dieser Ratgeber hilft, die wichtigsten Begriffe, Tumorarten und Entscheidungsfragen einzuordnen.

Wie häufig Krebs wirklich ist

Bei Hunden über zehn Jahren sind neoplastische Erkrankungen die mit Abstand häufigste Todesursache; Schätzungen aus großen Veterinärdatenbanken sprechen von rund 50 Prozent. Etwa jeder vierte Hund entwickelt im Lauf seines Lebens einen Tumor. Bei Katzen existiert keine vergleichbar klare Gesamtzahl, Tumorerkrankungen sind bei älteren Tieren aber ebenfalls ein großes Thema.

Gutartig oder bösartig

Ein benigner (gutartiger) Tumor wächst langsam, lokal begrenzt und bildet keine Tochtergeschwulste. Ein maligner (bösartiger) Tumor infiltriert das umliegende Gewebe, wächst schneller und kann sich über Lymphbahnen oder Blutgefäße ausbreiten (Metastasierung). Sicher unterscheiden lässt sich das nicht auf den ersten Blick, sondern nur durch eine Gewebeuntersuchung in der Pathologie.

Häufige Tumorarten beim Hund

  • Mammatumoren bei intakten Hündinnen – etwa zur Hälfte gutartig, zur Hälfte bösartig
  • Lymphom, oft multizentrisch; spricht meist gut auf Chemotherapie an
  • Mastzelltumor – häufigster Hauttumor; Boxer sind deutlich prädisponiert
  • Osteosarkom – vor allem bei großen und Riesenrassen; Rottweiler und Hunde über 40 Kilogramm haben ein deutlich erhöhtes Risiko
  • Hämangiosarkom – aggressiver Tumor mit Milz-, Herz- oder Hautsitz
  • Melanom – im Maulbereich häufig bösartig, an der Haut oft gutartig
  • Weichteilsarkome

Häufige Tumorarten bei der Katze

  • Mammatumoren: anders als beim Hund sind 80 bis 90 Prozent bösartig; oft Adenokarzinome
  • Lymphom: der häufigste maligne Tumor der Katze; historisch stark mit FeLV verknüpft, heute durch Impfprogramme seltener FeLV-assoziiert, dafür zunehmend alimentäres Lymphom älterer Katzen
  • Fibrosarkom an Injektionsstellen (FISS): seltene, aber ernst zu nehmende Komplikation nach Impfungen, vor allem nach früheren Adjuvans-haltigen Tollwut- und FeLV-Impfungen
  • Plattenepithelkarzinom, besonders bei weißen Katzen an Ohr, Nase und Augenlid durch UV-Exposition

Rasse und Risiko

  • Boxer: Mastzelltumoren
  • Berner Sennenhund: histiozytäres Sarkom mit bemerkenswert hoher Rasseprävalenz
  • Golden Retriever: Gesamtlebenskrebsrisiko rund 60 Prozent; vier Tumorarten (Lymphom, Hämangiosarkom, Osteosarkom, Mastzelltumor) machen den größten Teil der Krebstodesfälle aus
  • Rottweiler: Osteosarkom deutlich überrepräsentiert
  • bei Katzen sind genetisch bedingte Häufungen insgesamt weniger klar beschrieben; weiße Katzen sind für das UV-bedingte Plattenepithelkarzinom besonders anfällig

Die Rolle der Kastration

Bei Hündinnen senkt die frühe Kastration das Mammatumor-Risiko deutlich. Klassische Studien aus den 1960er Jahren zeigten einen stark protektiven Effekt bei Kastration vor der ersten Läufigkeit; neuere systematische Auswertungen fordern eine erneute Bewertung der genauen Zahlen, bestätigen aber den Schutzeffekt in der Größenordnung. Gleichzeitig werden heute bei bestimmten Rassen (z. B. großen Hunden, Golden Retriever) auch mögliche ungünstige Folgen einer zu frühen Kastration für andere Erkrankungen diskutiert. Die richtige Entscheidung ist deshalb individuell und gehört in ein ausführliches Gespräch mit der Tierarztpraxis.

Wie eine Diagnose zustande kommt

Am Anfang steht die klinische Untersuchung – mit Abtasten, Blick auf Lymphknoten, Haut und Maulhöhle. Bei einem Knoten ist der erste sinnvolle Schritt eine Feinnadelaspiration. Sie ist unblutig, preiswert und liefert bei vielen Tumorarten bereits eine sehr gute Verdachtsdiagnose. Die endgültige Einordnung leistet die Biopsie mit histologischer Untersuchung. Zur Ausbreitungsdiagnostik („Staging") kommen Blutbild, Röntgen des Brustkorbs, Ultraschall des Bauchraums, gegebenenfalls CT oder MRT und eine Lymphknotenzytologie zum Einsatz.

Behandlungsmöglichkeiten

Chirurgie

Die vollständige Entfernung bleibt bei lokalisierten Tumoren der Goldstandard. Entscheidend ist ein ausreichender Sicherheitsabstand, der bei manchen Tumorarten wie dem Mastzelltumor oder dem Weichteilsarkom sehr großzügig sein muss.

Chemotherapie

Anders als in der Humanmedizin werden Protokolle in der Tieronkologie schonender dosiert. Rund 70 bis 80 Prozent der Hunde tragen eine Chemotherapie ohne spürbare Nebenwirkungen. Katzen kommen oft sogar noch besser zurecht. Beim Lymphom-Protokoll CHOP sind Vollremissionen in über 80 Prozent der Fälle möglich, mit medianen Überlebenszeiten von rund einem Jahr nach Diagnose.

Strahlentherapie

Sie kommt bei nicht operablen Tumoren oder als Ergänzung nach nicht vollständiger Entfernung zum Einsatz. Angeboten wird sie in spezialisierten Zentren.

Immuntherapie

In den USA zugelassene monoklonale Antikörper gegen das canine B- und T-Zell-Lymphom (Blontress, Tactress) sind in der klinischen Wirksamkeit noch Gegenstand der Forschung. Sie verkörpern die Richtung, in die sich die Veterinäronkologie entwickelt.

Palliative Begleitung und Lebensqualität

Wenn Heilung nicht mehr im Vordergrund steht, wird die Lebensqualität zum Maßstab. Die international verbreitete HHHHHMM-Skala (Hurt, Hunger, Hydration, Hygiene, Happiness, Mobility, More good days than bad) hilft, den Zustand konkret zu bewerten. Sinkt die Bewertung über längere Zeit deutlich, ist das Gespräch über eine würdevolle Euthanasie kein Versagen, sondern ein Akt der Fürsorge.

Früherkennung und Vorsorge

  • ab dem siebten Lebensjahr halbjährliche Senior-Checks
  • regelmäßiger Tast-Check an Haut, Lymphknoten und Mammaleiste
  • sorgfältige Beobachtung von plötzlichem Gewichtsverlust, nachlassender Leistungsfähigkeit, unklaren Blutungen oder Wundheilungsstörungen
  • Sonnenschutz für weiße Katzen, konsequente FeLV-Vorsorge
  • Gewichtsmanagement – Adipositas ist bei mehreren Tumorarten ein Risikofaktor
  • individuelle Kastrationsentscheidung in enger Abstimmung mit der Tierarztpraxis

Tumoren im Tierheim-Alltag

Bei uns erreichen immer wieder Hunde und Katzen mit bekannten oder bisher übersehenen Tumorerkrankungen das Tierheim. Wir untersuchen jedes Tier gründlich, passen das weitere Vorgehen gemeinsam mit kleintieronkologisch erfahrenen Praxen an und vermitteln mit offenen Karten. Wer einem älteren Tier mit Tumordiagnose ein Zuhause gibt, schenkt ihm oft die ruhige, liebevolle letzte Lebensphase, die ihm vorher gefehlt hat. Und bekommt dafür eine Nähe, die selten wird.

Fachquellen

  • Biller B, Berg J, Garrett L et al. 2016 AAHA Oncology Guidelines for Dogs and Cats. Journal of the American Animal Hospital Association, 2016.
  • Smith AN et al. ACVIM small animal consensus statement on safe use of cytotoxic chemotherapeutics in veterinary practice. Journal of Veterinary Internal Medicine, 2018.
  • Morris Animal Foundation. Golden Retriever Lifetime Study. Laufende Kohortenstudie.
  • Villalobos A. Quality-of-Life Scale: The HHHHHMM Scale. In: Canine and Feline Geriatric Oncology, Wiley-Blackwell.
  • Merck Veterinary Manual. Mammary Tumors in Dogs; Mammary Tumors in Cats.
Tierheim Hannover | Tierschutzverein

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