Zwei Viruserkrankungen bedrohen Kaninchen in Deutschland schon seit Jahrzehnten: die Rabbit Haemorrhagic Disease (RHD), umgangssprachlich „Chinaseuche" genannt, und die Myxomatose. Beide enden für ungeimpfte Tiere in der Regel tödlich, und eine ursächliche Therapie gibt es nicht. Die gute Nachricht: Mit einer jährlichen Impfung lassen sich beide Erkrankungen zuverlässig verhindern. Dieser Ratgeber erklärt, worauf es ankommt und warum die Impfung auch für reine Wohnungskaninchen unerlässlich ist.
Rabbit Haemorrhagic Disease (RHD)
Die RHD wird durch ein Virus aus der Familie der Caliciviren ausgelöst. Zwei Typen sind heute von Bedeutung: das klassische RHDV-1 und die seit 2010 in Europa aufgetretene Variante RHDV-2, die inzwischen in Deutschland flächendeckend vorkommt.
Wie die Ansteckung erfolgt
- direkter Kontakt zwischen Kaninchen über Sekrete, Urin oder Kot
- indirekt über Kleidung, Schuhe, Hände, Gehege, Heu und frisches Grünfutter – das Virus ist außerhalb des Wirts äußerst widerstandsfähig
- mechanisch durch Stech- und Saugfliegen, was reine Wohnungshaltung keinesfalls sicher macht
- über kontaminiertes Wiesengrün aus Gebieten, in denen Wildkaninchen leben
Krankheitsbild und Verlauf
Die Inkubationszeit beträgt meist ein bis drei Tage, in manchen Quellen bis zu neun Tagen. Typisch ist:
- ein perakuter Verlauf mit plötzlichem Tod ohne Vorzeichen – häufig die erste Präsentation
- akute Verläufe mit hohem Fieber, Apathie, Appetitverlust und Atemnot
- in seltenen Fällen zentralnervöse Zeichen wie Krämpfe
- pathologisch eine massive Leberschädigung
Ein wichtiger Unterschied: RHDV-1 verschont in der Regel sehr junge Kaninchen bis zu einem Alter von acht bis zehn Wochen. RHDV-2 dagegen betrifft auch Jungtiere bereits ab etwa vier Wochen und verläuft teils etwas variabler. Feldkaninchen und Hasen können ebenfalls erkranken.
Diagnose und Therapie
Die Verdachtsdiagnose ergibt sich aus dem klinischen Bild und den pathologischen Veränderungen; Sicherheit liefert eine PCR aus Leber- oder Milzgewebe, meist postmortal. Eine spezifische antivirale Therapie steht nicht zur Verfügung. Symptomatische Maßnahmen verlängern höchstens kurzzeitig; ohne Impfschutz ist die Prognose für ungeimpfte Tiere sehr schlecht.
Myxomatose
Die Myxomatose wird vom Myxomavirus aus der Familie der Pockenviren verursacht. Die Erkrankung ist vor allem bei Wildkaninchen verbreitet, trifft aber auch Hauskaninchen – typischerweise saisonal verstärkt im Spätsommer und Herbst, wenn die Mückenpopulation groß ist.
Wie die Ansteckung erfolgt
- hauptsächlich über blutsaugende Insekten: Stechmücken, Stechfliegen, Kaninchenflöhe, teils Milben
- direkter Kontakt zu erkrankten Tieren und deren Sekreten
- indirekt über Gegenstände, Kleidung, Futter, Einstreu
Krankheitsbild und Verlauf
Die Inkubationszeit liegt bei etwa drei bis zehn Tagen. Die klassische Form ist auffällig:
- Schwellungen und Ödeme an Augenlidern, Nase, Ohren und Genitalien
- milchig-eitriger Augenausfluss, oft mit verklebten Lidern
- hängende, teigige Ohren, hohes Fieber, Apathie, Appetitverlust
Daneben kommen eine knotige Form mit umschriebenen Hautknoten sowie eine atypische Atemwegsform vor. Auch bei der Myxomatose ist die Sterblichkeit ungeimpfter Kaninchen hoch; die Tiere sterben meist ein bis zwei Wochen nach Symptombeginn, oder die Erkrankung verläuft so belastend, dass eine Euthanasie aus Tierschutzgründen notwendig wird.
Diagnose und Therapie
Die Diagnose ergibt sich häufig aus dem klinischen Bild, da die Schwellungen sehr typisch sind. Zur Bestätigung stehen PCR und Histologie zur Verfügung. Eine spezifische Therapie gibt es nicht; supportive Maßnahmen verlängern meist nur das Leiden.
Die Impfung: sichere Vorsorge
Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin am Friedrich-Loeffler-Institut (StIKo Vet) stuft die Impfungen gegen Myxomatose sowie RHDV-1 und RHDV-2 als Kernimpfungen (Core) ein. Sie werden für jedes Kaninchen empfohlen, unabhängig von Haltungsform, Alter oder Zuchtzweck.
Grundimmunisierung
- Je nach Impfstoff genügt eine einzige Dosis zur Grundimmunisierung.
- Das Einstiegsalter variiert: monovalente RHDV-2-Impfstoffe ab etwa vier Wochen, Kombinationsimpfstoffe meist ab fünf Wochen.
Auffrischung
- RHD: jährlich
- Myxomatose: je nach Präparat halbjährlich bis jährlich
- Praktischer Tipp: die Auffrischung am besten im zeitigen Frühjahr vor Beginn der Mückensaison planen
In Deutschland verfügbare Impfstoffe
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sind unter anderem folgende Präparate gebräuchlich:
- Nobivac Myxo-RHD PLUS – deckt als rekombinanter Kombinationsimpfstoff mit einer Injektion Myxomatose, RHDV-1 und RHDV-2 ab. Mindestalter fünf Wochen, Immunitätsdauer zwölf Monate.
- Filavac VHD K C+V – inaktivierter Kombinationsimpfstoff gegen RHDV-1 und RHDV-2 (ab zehn Wochen).
- Eravac – schützt ausschließlich gegen RHDV-2 (ab dreißig Tagen). Myxomatose und RHDV-1 müssen zusätzlich abgedeckt werden.
- Fatrovax RHD – inaktivierter Impfstoff gegen RHDV-1 und RHDV-2.
- weitere Präparate wie RIKA-VACC (Myxo, RHD oder Kombi)
Die konkrete Wahl treffen die betreuende Tierarztpraxis und die Halter:innen gemeinsam; maßgeblich sind die jeweils aktuelle Fachinformation und die Verfügbarkeit am Markt.
Warum auch Wohnungskaninchen geimpft werden
Viele Halter:innen glauben, in der Wohnung sei ihr Kaninchen vor RHD und Myxomatose sicher. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt das Gegenteil:
- Stechmücken, Stechfliegen und Flöhe gelangen durch Fenster, offene Balkone und Lüftungsschächte in die Wohnung – ein einziger Stich kann reichen.
- RHD-Viren sind extrem widerstandsfähig und werden über Schuhe, Hosen oder frisches Grünfutter eingetragen.
- Wildkaninchen in Parks und auf Wiesen sind bekannte Virusträger – kontaminierte Pflanzen oder Einstreu können so im Zuhause landen.
Die Impfung gehört deshalb für jedes Kaninchen zum Basis-Gesundheitsschutz.
Rolle im Tierheim-Alltag
In unserem Tierheim gehört ein konsequentes Impfregime zum Standard. Neuzugänge werden nach einer kurzen Quarantäne geimpft, bevor sie vergesellschaftet und vermittelt werden. Wir bevorzugen – wo sinnvoll – den trivalenten Kombinationsimpfstoff, um die Tiere möglichst wenig zu belasten.
Bei jeder Vermittlung sprechen wir das Thema aktiv mit den neuen Halter:innen an: Wir geben den Heimtierausweis mit, erklären den jährlichen Auffrischtermin und erinnern daran, dass auch die wohnungsgehaltene Zweitkatze- oder Zweithund-Haushaltskaninchen den vollen Impfschutz braucht. Ein hoher Durchimpfungsgrad ist die wirksamste Versicherung – für das einzelne Tier und für die gesamte Population in Hannover und Umgebung.
Was Halter:innen tun können
- jährlicher Tierarztbesuch zur Impfauffrischung, idealerweise im Frühling
- Mückenschutz an Fenster und Balkon, in Außenanlagen engmaschige Fliegengitter
- Heu und Grünfutter aus sicheren Quellen, keine offenen Wiesenabschnitte aus Wildkaninchen-Gebieten
- bei Neuzugängen Quarantäne für mindestens zwei bis drei Wochen und Abstimmung der Impfung mit der Tierarztpraxis
- bei plötzlichen Todesfällen in einer Gruppe stets abklären lassen – die Diagnose kann den verbliebenen Tieren das Leben retten
Fachquellen
- Ständige Impfkommission Veterinärmedizin am Friedrich-Loeffler-Institut (StIKo Vet). Leitlinie zur Impfung von Kleintieren. Aktuelle Fassung.
- European Medicines Agency. EPAR – Product Information Nobivac Myxo-RHD Plus. Committee for Medicinal Products for Veterinary Use.
- Abrantes J, van der Loo W, Le Pendu J, Esteves PJ. Rabbit haemorrhagic disease (RHD) and rabbit haemorrhagic disease virus (RHDV): a review. Veterinary Research, 2012.
- Harcourt-Brown F, Chitty J (Hrsg.). Textbook of Rabbit Medicine. 2. Auflage, Elsevier/Butterworth-Heinemann, 2013.
- Ewringmann A. Leitsymptome beim Kaninchen – Diagnostischer Leitfaden und Therapie. 3. Auflage, Thieme/Enke, 2016.
- Merck Veterinary Manual. Viral Diseases of Rabbits: Myxomatosis; Rabbit Hemorrhagic Disease. Online-Standardwerk.
