Kaum ein Thema wirkt auf Halter:innen so unübersichtlich wie Impfungen. Was ist Pflicht, was empfehlenswert, was überflüssig? Die führenden Fachgesellschaften – StIKo Vet, WSAVA, AAHA und AAFP – sind sich in den Grundlinien weitgehend einig. Dieser Ratgeber fasst den aktuellen Stand für Hund und Katze zusammen, erklärt den Unterschied zwischen Kern- und Lifestyle-Impfungen und zeigt, wie Sie mit Ihrer Tierarztpraxis ein sinnvolles, nicht überladenes Impfschema finden.
Warum wir impfen
- Individualschutz: Impfungen verhindern schwere, teils tödliche Infektionskrankheiten beim Einzeltier.
- Herdenschutz: Eine hohe Durchimpfungsrate – idealerweise über 70 Prozent der Population – reduziert den Erregerkreislauf und schützt auch ungeimpfte oder immungeschwächte Tiere.
- Tierseuchenrechtliche Verantwortung: Die Tollwut ist in Deutschland anzeigepflichtig; hohe Impfquoten verhindern ein Wiederaufflammen nach Eintrag aus Endemiegebieten.
Core- und Non-Core-Impfungen
Die internationalen Leitlinien unterscheiden zwei Gruppen:
- Core-Impfungen (Kernimpfungen): für jedes Tier empfohlen, unabhängig von Haltungsform oder Lebensstil. Sie schützen vor Erkrankungen mit hoher Morbidität, hoher Sterblichkeit oder Zoonose-Potenzial.
- Non-Core-Impfungen: nur dann sinnvoll, wenn ein individuelles Risiko besteht – durch Haltung, Umfeld, Reise oder Rasse.
Hund – die Core-Impfungen
Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) am Friedrich-Loeffler-Institut empfiehlt in ihrer aktuellen Leitlinie für den Hund:
- Staupe (Canine Distemper Virus, CDV)
- Hepatitis contagiosa canis (CAV; zugleich kreuzschützend gegen den Zwingerhusten-assoziierten CAV-2)
- Parvovirose (CPV)
- Tollwut – in Deutschland nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber für alle Reisen innerhalb der EU unverzichtbar
- Leptospirose: in Deutschland de facto als Kernimpfung eingestuft, weil die Erkrankung endemisch ist und zoonotisches Potenzial hat
Hund – Non-Core-Impfungen
- Zwingerhusten-Komplex (Bordetella bronchiseptica, Canines Parainfluenzavirus) für Hunde mit Kontakt zu anderen Hunden – Hundeschule, Hundepension, Tierheim, Ausstellung
- Borreliose: umstritten; StIKo Vet empfiehlt vorrangig eine konsequente Zeckenprophylaxe und nur in Ausnahmefällen die Impfung
- Leishmaniose: bei Reisen oder Aufenthalten im Mittelmeerraum zu erwägen
Katze – die Core-Impfungen
AAFP, WSAVA und ABCD sind sich einig:
- Felines Panleukopenie-Virus (FPV / Katzenseuche)
- Felines Herpesvirus 1 (FHV-1) und Felines Calicivirus (FCV) als „Katzenschnupfen"-Komplex
- Tollwut bei Freigang, Reise und in Tierheimen
Katze – Non-Core-Impfungen
- FeLV (Felines Leukämievirus): stark empfohlen für Jungkatzen und Freigänger; vor der Impfung ist ein FeLV-Test zwingend
- Chlamydia felis: bei gehäuften Bindehautentzündungen in Mehrkatzenhaushalten
Das Impfschema
Welpen und Kitten
Weil maternale Antikörper die Immunantwort auf frühe Impfungen abschwächen können, braucht es eine mehrfache Grundimmunisierung:
- Start mit etwa 8 Wochen, dann mit 12 und 16 Wochen
- eine zusätzliche Dosis im Alter von rund 6 Monaten – so wird vermieden, dass ein Anteil der Tiere mit 16 Wochen wegen hoher maternaler Antikörper noch keinen ausreichenden Schutz aufbaut
- erster Booster nach einem Jahr
Erwachsene Tiere
- Core-Impfungen bei Hund und Katze (Staupe/Parvo/CAV bzw. FPV/FHV/FCV): alle drei Jahre
- Leptospirose beim Hund: jährlich, weil der Immunschutz kürzer ist
- Tollwut: je nach Zulassung des Impfstoffes alle ein bis drei Jahre
- bei Freigängerkatzen kann eine häufigere Auffrischung der FHV/FCV-Komponente sinnvoll sein, insbesondere in Hochrisikoumgebungen
Besondere rechtliche Situationen
Reisen innerhalb der EU
Für die Mitnahme von Hunden und Katzen in andere EU-Staaten gilt die Verordnung 576/2013:
- EU-Heimtierausweis
- Mikrochip – eindeutige Identifikation ist Voraussetzung
- gültige Tollwutimpfung; Erstimpfung frühestens mit 12 Wochen, anschließend 21 Tage Wartezeit
Nicht-EU-Länder
Für Reisen in nicht-gelistete Drittländer kommt ein Tollwut-Antikörpertiter (FAVN) hinzu; die Rückkehr nach Deutschland ist dann frühestens drei Monate nach der Blutentnahme möglich.
Was passiert nach einer Impfung?
- Lokal: vorübergehende Schwellung, Druckempfindlichkeit oder ein kleiner Knoten an der Injektionsstelle
- Systemisch: Fieber, Mattigkeit oder verminderter Appetit für 24 bis 48 Stunden; selten eine allergische Reaktion
- bei Katzen eine sehr seltene, aber ernst zu nehmende Sonderform: das feline Injektionsstellen-Sarkom. Die AAFP empfiehlt deshalb distale Injektionsorte und eine langfristige Beobachtung der Impfstelle (siehe Tumoren-Ratgeber).
Titer-Messung als Alternative
Antikörpertiter können in bestimmten Fällen eine Impfung überflüssig machen oder aufschieben:
- Beim Hund sind Titer gegen Staupe, Hepatitis und Parvovirose aussagekräftig und werden von der WSAVA als Alternative zur Routineauffrischung anerkannt.
- Bei der Katze ist der Titer für das Panleukopenie-Virus zuverlässig; für FHV-1 und FCV sind Antikörpertiter nicht mit einem sicheren Schutz korreliert und daher nicht zu empfehlen.
- Die Tollwut bleibt rechtlich von der Impfung abhängig – ein Titer allein ersetzt sie nicht.
Wann nicht geimpft wird
Eine Impfung setzt ein klinisch gesundes Tier voraus. Gute Gründe zu verschieben:
- akuter fieberhafter Infekt
- laufende Immunsuppression – etwa durch höher dosiertes Kortison, Ciclosporin oder Chemotherapie
- schwere chronische Allgemeinerkrankungen
- Trächtigkeit – nur inaktivierte Impfstoffe, wenn zwingend indiziert
Welpen aus Auslandstierschutz
Bei Hunden oder Katzen aus Auslandsvermittlungen ist der Impfstatus häufig nicht verlässlich dokumentiert. Die StIKo Vet empfiehlt bei unklarem Status eher einen Neubeginn der Grundimmunisierung oder eine Titerbestimmung. Gleichzeitig sollten Mittelmeer-Erkrankungen wie Leishmaniose und Ehrlichiose mitgeprüft werden – diese lassen sich durch die klassische Impfung nicht abdecken.
Senior-Tiere
Immunseneszenz kann die Impfantwort im Alter abschwächen – deshalb bleibt der Impfschutz wichtig. Eine pauschale Reduktion mit dem Alter wird von WSAVA und AAHA ausdrücklich nicht empfohlen. Das konkrete Schema sollte sich am Gesundheitszustand und gegebenenfalls an Titerkontrollen orientieren, nicht am Lebensalter allein.
Impfungen im Tierheim-Alltag
Bei uns werden alle Tiere im Rahmen der Aufnahmeuntersuchung entsprechend der StIKo-Leitlinie geimpft. Besonders wichtig ist das bei Katzen aus Mehrkatzen- und Sammelhaltungen sowie bei Fund- und Abgabetieren mit unklarem Impfstatus. Jede vermittelte Katze und jeder Hund kommt mit einem vollständigen Heimtierausweis zu seiner neuen Familie – ergänzt durch eine Empfehlung zum nächsten Auffrischtermin.
Ein wichtiges Wort zum Schluss: Dieser Ratgeber ersetzt keine tierärztliche Beratung. Das konkrete Impfschema ist individuell – Ihre Tierärztin oder Ihr Tierarzt kennt Ihr Tier und die lokale Situation am besten.
Fachquellen
- Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) am Friedrich-Loeffler-Institut. Leitlinie zur Impfung von Kleintieren. Aktuelle Fassung.
- Squires RA, Crawford C, Marcondes M, Whitley N. 2024 guidelines for the vaccination of dogs and cats (WSAVA Vaccination Guidelines Group). Journal of Small Animal Practice, 2024.
- Ellis J, Marziani E, Aziz C et al. 2022 AAHA Canine Vaccination Guidelines. Journal of the American Animal Hospital Association, 2022.
- Stone AES, Brummet GO, Carozza EM et al. 2020 AAHA/AAFP Feline Vaccination Guidelines. Journal of Feline Medicine and Surgery, 2020.
- European Advisory Board on Cat Diseases (ABCD). Guidelines on prevention and management of feline infectious diseases.
