Wenn ein Hund oder eine Katze in ihr Seniorenalter kommt, bleibt sie meistens dieselbe Persönlichkeit, aber Körper und Verhalten brauchen einen angepassten Alltag. Altersgerechte Pflege heißt: rechtzeitig erkennen, wo Schmerzen oder Organfunktionen schwächer werden, den Tag entsprechend takten und Hilfsmittel im Haushalt einsetzen, bevor das Tier sie vermisst. Dieser Ratgeber führt durch die wichtigsten Bausteine – Vorsorge, Bewegung, Gelenkschutz, geistige Auslastung, Ernährung, Schmerzerkennung und kleine Wohnungsumbauten. Wer darüber nachdenkt, ein älteres Tier zu adoptieren, findet im Ratgeber Senior-Tiere adoptieren die Entscheidungshilfe dazu.
Ab wann senior?
Die amerikanischen Tiermedizin-Verbände AAHA und AAFP definieren den Senior-Status in den letzten 25 Prozent der zu erwartenden Lebenszeit. Als Faustregel: kleine Hunderassen ab 10 bis 12 Jahren, mittelgroße ab 8 bis 10, große ab 6 bis 8, Riesenrassen bereits ab 5 bis 6. Katzen gelten ab 10 Jahren als Senior, ab 15 Jahren als geriatrisch. In diesen Lebensphasen ändern sich Stoffwechsel, Hormonhaushalt, Muskulatur, Gelenke und Kognition – mal langsam und unauffällig, mal in Schüben.
Halbjährlich zur tierärztlichen Praxis
AAHA und AAFP empfehlen bei Senior-Tieren zwei Check-ups pro Jahr. Viele Erkrankungen beginnen schleichend, und wer ein halbjährliches Screening etabliert, fängt Probleme deutlich früher ab. Zum sinnvollen Programm gehören:
- Allgemeinuntersuchung mit Gewicht, Body-Condition-Score und Muscle-Condition-Score. Gerade bei Senioren droht Sarkopenie, also Muskelabbau trotz normalem Gewicht.
- Großes Blutbild: Leber- und Nierenwerte inklusive SDMA (ein sensitiver früher Nierenmarker), Schilddrüsenparameter (bei Hunden T4, bei Katzen oft mit Zusatzwerten), Blutzucker, Blutfette.
- Urinstatus mit spezifischem Gewicht und UPC-Quotient – vor allem bei Katzen ein Frühindikator für chronische Nierenerkrankung.
- Blutdruckmessung: Katzen mit Hyperthyreose oder Nierenerkrankung entwickeln häufig Hypertonie; Hunde mit Cushing-Syndrom oder Nierenerkrankung ebenfalls.
- Zahnstatus: Parodontalerkrankungen sind bei Senior-Tieren weit verbreitet und chronische Schmerzquelle. Mehr im Ratgeber Zahngesundheit bei Hund und Katze.
- Herzuntersuchung: Auskultation, bei Auffälligkeiten Herzultraschall; bei Katzen ab 8 bis 10 Jahren und bei prädisponierten Hunderassen lohnt der Ultraschall auch bei unauffälligem Befund. Details im Ratgeber Herzinsuffizienz bei Hund und Katze.
- Augencheck auf Katarakt, Netzhautveränderungen, Iris-Atrophie und Retinaablösung (häufige Ursache bei hypertonischen Katzen).
Bewegung anpassen
Senior-Hunde profitieren von mehreren kürzeren Runden statt einer langen Tour. Nasenarbeit, leichtes Mantrailing, Futterspiele und Schwimmen belasten Gelenke weniger als Balljagd oder Joggen. Bei Arthrose oder Spondylose lohnt die Zusammenarbeit mit einer tierärztlichen Physiotherapie-Praxis, gerne auch mit Unterwasserlaufband.
Katzen brauchen Jagdspiele in kurzen Sets, mehrmals am Tag, angepasst an das Tempo des Tieres. Rampen zu Lieblingsplätzen, Klettermöbel mit breiten Flächen statt schmaler Stangen, ein gut erreichbares Katzengras-Angebot – alles kleine Bausteine, die helfen, die Bewegungsfreude zu erhalten.
Gelenkschutz: Arthrose ist Alltag im Alter
Die AAHA geht davon aus, dass rund 80 Prozent aller Hunde über acht Jahre an einer degenerativen Gelenkerkrankung leiden. Bei Katzen liegt die Quote nach Untersuchungen von Lascelles und Kolleg:innen bei mindestens 40 Prozent der Tiere über zwölf Jahren – oft unentdeckt, weil Katzen Schmerzen konsequent verbergen.
Die Schmerzerkennung bei der Katze ist eine Disziplin für sich. Evangelista und Kolleg:innen haben 2019 mit der Feline Grimace Scale (Scientific Reports) ein einfaches, validiertes Instrument vorgestellt: Ohrstellung, Augenlidspannung, Schnurrhaarwinkel, Maulform und Kopfposition werden auf einer Skala bewertet. Auch der Glasgow Composite Measure Pain Scale for Cats ist in der Praxis gut einsetzbar. Beim Hund sind Tools wie der Canine Brief Pain Inventory (CBPI) etabliert.
Therapeutisch stehen klassische nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs) im Zentrum – immer tierärztlich verordnet, mit Begleitung der Nierenwerte. Neu auf dem Markt sind Anti-NGF-Antikörper (Librela für Hunde, Solensia für Katzen, jeweils monatliche Injektion), die gerade bei Langzeit-Arthrose eine spannende Alternative sind. Gabapentin wird ergänzend eingesetzt, Akupunktur und Physiotherapie sind gut dokumentiert, Omega-3-Fettsäuren wirken entzündungshemmend. Die Evidenz für Chondroitin und Glucosamin ist gemischt; sie schaden nicht, aber der Effekt ist individuell sehr unterschiedlich. Ausführlich im Ratgeber Spondylose und Arthrose bei Hund und Katze.
Kognitive Auslastung
Der Kopf braucht Training wie der Körper. Beim Hund hat sich Nasenarbeit als besonders wirksam erwiesen – Schnüffelteppich, Futter verstecken, kleine Suchaufgaben im Garten. Bei beginnender Demenz wirken diese Aufgaben stabilisierend. Der Ratgeber Demenz beim Hund (CDS) geht darauf im Detail ein.
Bei Katzen wird die kognitive Dysfunktion klinisch weiterhin zu selten diagnostiziert. Danielle Gunn-Moore (University of Edinburgh) hat in ihren Arbeiten gezeigt, dass über 50 Prozent der Katzen über 15 Jahren Symptome einer altersbedingten Gehirnveränderung zeigen: Desorientierung, nächtliches Rufen, Stubenreinheitsverlust, veränderte Sozialkontakte. Auch hier helfen geistige Beschäftigung (Clicker für Katzen, Futterpuzzle, zugängliche Fensterplätze), klare Routinen, ein dezentes Nachtlicht und bei fortgeschrittenen Fällen die Begleitung durch eine erfahrene tierärztliche Praxis.
Ernährung im Seniorenalter
- Energiedichte oft reduzieren – viele Senioren bewegen sich weniger und neigen zu Übergewicht (siehe Adipositas bei Hund und Katze). Bei sehr alten oder kranken Tieren kehrt sich das um: Appetit sinkt, der Futteraufbau wird dann appetitlich und gezielt energiedicht.
- Hochwertiges Eiweiß bleibt entscheidend, um Sarkopenie vorzubeugen. Die früher verbreitete Vorstellung, Senior-Tiere bräuchten „weniger Eiweiß", ist nach aktueller Lehrmeinung überholt – einschränken sollte man Eiweiß nur bei klarer medizinischer Indikation.
- Phosphat-reduziert bei diagnostizierter chronischer Nierenerkrankung, ergänzend Omega-3-Fettsäuren.
- Nassfutter und Trinkbrunnen erhöhen bei Katzen die Flüssigkeitsaufnahme – ein entscheidender Schutz für die Nieren.
- Antioxidantien (Vitamin E, C) und EPA/DHA unterstützen Hirn- und Gelenkfunktion.
Schmerzen früh erkennen
Senior-Tiere klagen nicht laut – sie verändern Verhalten. Typische Zeichen:
- Hund: zögerliches Aufstehen, gekrümmter Rücken, Unlust beim Treppensteigen, weniger Sprung ins Auto, verstärktes Lecken an einem Gelenk, kürzere Runden, Ungeduld bei Berührungen.
- Katze: weniger intensive Fellpflege (verfilztes Fell, vor allem auf dem Rücken und an den Flanken), weniger Sprünge auf die Fensterbank, veränderte Körperhaltung in der Toilette, vermehrtes Verstecken oder umgekehrt auffällige Anhänglichkeit.
Hilfreich sind kurze Videoaufnahmen vom Aufstehen oder vom Gang im Flur – sie lassen sich dem Tierarzt zeigen und zeigen Details, die sich im Sprechzimmer nicht abrufen lassen. Auch ein einfaches Tagebuch (Datum, Beobachtung, Auffälligkeit) erleichtert die Verlaufsbeurteilung.
Die Wohnung seniorfit machen
- Rutschfeste Beläge auf glatten Böden – ein Parcours aus Teppichläufern macht oft den größten Alltagsunterschied.
- Orthopädisches Bett an einem warmen, zugfreien Platz; bei sehr alten Tieren eine zusätzliche Wärmeauflage.
- Rampen statt Treppen für Auto, Sofa und Lieblingsfensterbank; für kleinere Hunde und Katzen reichen handelsübliche Haustierrampen.
- Niedrige Katzentoilette mit einem Einstieg unter acht Zentimetern; bei geriatrischen Katzen ist das Überwinden höherer Ränder oft eine echte Schmerzerfahrung.
- Futter- und Wassergefäße auf Höhe, idealerweise in einem Kugelgelenk-Ständer: Er entlastet bei Hals- und Rückenproblemen.
- Nachtbeleuchtung für Tiere mit Demenz oder beginnender Katarakt.
- Vertraute Räume beibehalten. Möbel nicht umstellen, Routinen nicht plötzlich ändern – Ordnung im Raum ersetzt beim dementen Tier die nachlassende innere Orientierung.
Wann man über Abschied sprechen sollte
Der Gedanke gehört zur ehrlichen Senior-Pflege dazu: Es kommt ein Punkt, an dem gute Medizin nicht mehr bedeutet, immer mehr zu tun. Warnzeichen, die ein offenes Gespräch mit der tierärztlichen Praxis sinnvoll machen: anhaltende Schmerzen trotz optimaler Medikation, dauerhafte Fressunlust mit Gewichtsverlust, Verlust des Kontakts zur Umwelt, dauerhafter Verlust der Stubenreinheit als Zeichen einer Dekompensation. Einfache Qualitätsskalen wie die HHHHHMM-Skala nach Alice Villalobos (Hurts, Hunger, Hydration, Hygiene, Happiness, Mobility, More good days than bad) helfen, Schritt für Schritt zu bewerten, wie das eigene Tier die Tage erlebt.
Im Tierheim Hannover
Wenn Sie ein älteres Tier bei uns adoptieren, erhalten Sie die bekannten Befunde, Medikationspläne und Empfehlungen für weiterführende Untersuchungen. Unsere Pfleger:innen beraten zu Rampen, Bettenwahl und der Umstellung auf ein seniorgerechtes Umfeld. Bei Rückfragen stehen wir auch nach der Adoption zur Verfügung – gerade in der Senior-Pflege sind Rücksprachen oft das, was am meisten hilft.
Fachquellen
- American Animal Hospital Association (AAHA): Senior Care Guidelines for Dogs and Cats. aaha.org
- American Association of Feline Practitioners (AAFP): Senior Care Guidelines. catvets.com
- Lascelles, B. D. X. et al.: Publikationen zu Arthrose bei der Katze in Journal of Feline Medicine and Surgery und Veterinary Record.
- Evangelista, M. C., Watanabe, R., Leung, V. S. Y. et al. (2019): Facial expressions of pain in cats: the development and validation of a Feline Grimace Scale. Scientific Reports 9, 19128.
- Gunn-Moore, D. A., University of Edinburgh: Publikationen zur kognitiven Dysfunktion der Katze.
- WSAVA Global Nutrition Guidelines und Body Condition Score.
- IRIS Kidney Staging Guidelines. iris-kidney.com
- Klinik für Kleintiere, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover: Senior-Sprechstunde.
