Zwei ganz unterschiedliche Situationen – und doch gehören sie in denselben Ratgeber: akute Gefahren, bei denen Halter:innen innerhalb von Minuten die richtigen Entscheidungen treffen müssen. Silvester mit seinen Knallern, Raketen und Stunden voller fremder Geräusche zählt zu den belastendsten Nächten des Jahres für Hund, Katze und Kleintier. Giftköder auf Spaziergängen oder Gifte in der Wohnung können ein Tier in wenigen Stunden in Lebensgefahr bringen. Dieser Ratgeber zeigt, wie Sie Ihr Tier an Silvester durch die Nacht bringen, welche Gifte die gefährlichsten sind, wie Sie Erste Hilfe leisten – und wohin Sie sich in einem Notfall wenden können.
Silvester: Warum die Nacht so belastet
Feuerwerk der Kategorie F2 darf nach europäischen Grenzwerten bei acht Metern Abstand 120 Dezibel nicht überschreiten – auf kurzer Distanz erreichen einzelne Böller aber 130 bis 180 Dezibel. Das ist für Menschen schon schmerzhaft. Hunde hören bis in den Bereich von 50.000 Hertz, Katzen bis 65.000 Hertz – ihr Gehör ist deutlich empfindlicher als unseres. Dazu kommen Blitze, Rauchgeruch und fremde Gerüche. Viele Tiere erleben die Nacht als Dauerstress über mehrere Stunden.
Die Folgen sind messbar: TASSO e. V. meldet für den Jahreswechsel 2024/25 mehr als 820 als vermisst gemeldete Hunde und Katzen an einem einzigen Tag. An Silvester entlaufen rund zweieinhalb Mal so viele Hunde wie an einem Durchschnittstag.
Vorbereitung: schon Wochen vorher anfangen
- Geräuschdesensibilisierung: Mit Soundfiles („Silvester-Sounds") in leiser Lautstärke beginnen, über Wochen die Lautstärke behutsam steigern, immer gekoppelt mit einer positiven Aktivität – Futterstreuen, gemeinsames Kuscheln, Leckerli-Suchspiel. Nicht zum Üben zwingen.
- Pheromone: Adaptil (Hund) oder Feliway (Katze) spätestens zwei bis vier Wochen vor Silvester aufstellen oder als Halsband tragen.
- Rückzugsort: einen abgedunkelten, vertrauten Platz – Hundebox mit Decke, geschlossener Schrankraum, Kellerstube, Badezimmer mit Lüftung. Wer dort Zuflucht sucht, darf ungestört bleiben.
- Tierärztliche Beratung frühzeitig: Bei Tieren mit bekannter Geräuschphobie gibt es wirksame Medikamente. Mittel der Wahl beim Hund ist Sileo (Dexmedetomidin-Oromukosalgel, in der EU zugelassen seit 2016, Wirkeintritt in rund 30 Minuten). Alternativen wie Gabapentin, Trazodon oder Benzodiazepine werden tierärztlich individuell dosiert. Acepromazin ist nicht geeignet – es lähmt nur die Bewegung, ohne die Angst zu lindern, und kann die Geräuschempfindlichkeit verschlimmern (AVSAB-Position).
- Bei Katzen mit Phobie: Gabapentin hat sich in der Katzenmedizin etabliert, immer mit tierärztlicher Dosis.
Der Mythos „Nicht trösten"
Viele Halter:innen halten sich immer noch an den alten Rat, ein Tier in der Panik nicht zu trösten, um die Angst nicht zu verstärken. Die Verhaltensforschung zeigt das Gegenteil. Studien (z. B. Gazzano et al., 2013) belegen, dass Hundehalter:innen für ihre Hunde wie eine Bindungsperson funktionieren – ihre ruhige Nähe senkt den Cortisol-Spiegel und die Herzfrequenz. Körperkontakt ist erlaubt und hilfreich, solange das Tier ihn sucht. Erzwingen dürfen Sie ihn nicht: Wer sich lieber in den Rückzugsort zurückzieht, soll dort bleiben dürfen.
Der Silvesterabend selbst
- Die letzte Gassirunde deutlich vor der Dämmerung; schon am späten Nachmittag fliegen in vielen Stadtteilen die ersten Feuerwerke.
- Fenster, Türen und Rollläden zu, leise Musik oder Fernsehgeräusche als Kulisse.
- Bleiben Sie bei Ihrem Tier, lassen Sie es nicht allein zu Hause.
- Freigängerkatzen kommen ab dem 30. Dezember bis zum 2. Januar nicht mehr nach draußen. Vogelvolieren abdecken oder Raum verdunkeln. Kaninchen und Meerschweinchen in ruhigen Raum verlagern, Schutzhaus großzügig einstreuen.
- Halsband mit aktueller Adressmarke und TASSO-Plakette, zusätzlich die Registrierung bei TASSO oder FINDEFIX aktualisieren.
- Am 1. Januar den Spaziergang kurz und an der Leine planen. Böllerreste, Wunderkerzenstangen, Glasscherben und alkoholhaltige Essensreste sind häufige Ursachen für Tierarztbesuche am Neujahrstag.
Giftköder und Vergiftungen
Ob achtlos weggeworfener Schokoriegel, ein ins Futter gemischtes Rattengift oder der Schwamm in der Wurst – Vergiftungen gehören zu den häufigsten akuten Notfällen in der Kleintiermedizin. Die wichtigsten Substanzen und Giftmengen:
- Rattengift (Cumarin-Derivate, Brodifacoum): hemmt die Blutgerinnung und führt zu inneren Blutungen. Die Therapie besteht aus der Gabe von Vitamin K1 über mehrere Wochen.
- Frostschutzmittel (Ethylenglykol): süß im Geschmack, hochgiftig. Für Katzen sind schon 1,5 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht tödlich, für Hunde etwa 6,6 Milliliter – Wirkung: akutes Nierenversagen.
- Xylit (Birkenzucker): vor allem beim Hund löst es eine massive Insulinausschüttung mit Unterzuckerung aus, ab höheren Dosen Leberversagen. Enthalten in Kaugummis, „zuckerfreien" Süßigkeiten, manchen Backwaren und Zahnpasten – schon 0,1 Gramm pro Kilogramm toxisch.
- Schokolade (Theobromin): Zartbitter- und Backschokolade sind besonders kritisch; toxisch ab etwa 20 Milligramm Theobromin pro Kilogramm Körpergewicht, letal ab 100 bis 200 Milligramm pro Kilogramm. Die Halbwertszeit beim Hund liegt bei rund 17 Stunden.
- Zwiebelgewächse (Zwiebel, Lauch, Knoblauch): hämolytische Anämie; Katzen sind empfindlicher als Hunde. Auch in Kinder-Reste-Tellern häufig zu finden.
- Weintrauben und Rosinen: individuell unterschiedlich starke Wirkung mit akutem Nierenversagen – auch kleinste Mengen können kritisch sein.
- Avocado (Persin): für Ziervögel in geringen Mengen tödlich, für Hund und Katze weniger kritisch.
Malicious Giftköder
Absichtlich ausgelegte Köder sind leider keine Seltenheit. Klassiker sind Hackfleischbällchen mit eingeklebten Nägeln oder Rasierklingen, Wurststücke mit Schrauben, Marinade getränkte Küchenschwämme (sie quellen im Magen auf), Leberwurstballen mit Rattengift oder Reizstoffen. Auslegeorte sind vor allem Parks, Hundewiesen, Waldränder und Parkplätze. Wer etwas Verdächtiges sieht, meldet es der Polizei (Sachbeschädigung nach § 303 StGB, Tierquälerei nach § 17 TierSchG) und beim örtlichen Tierschutzverein. Die App „GiftköderRadar" informiert Halter:innen in einem selbst gewählten Umkreis über Meldungen.
Erste Hilfe bei Verdacht auf Vergiftung
- Sofort in die Tierarztpraxis oder Tierklinik. Rufen Sie vorher an, damit dort alles vorbereitet ist.
- Packung, Reste der aufgenommenen Substanz, Erbrochenes oder Kotprobe mitnehmen – sie helfen bei der Identifikation des Giftes.
- Keine Selbstversuche, Erbrechen auszulösen. Bei spitzen Gegenständen, ätzenden Substanzen oder Benzinderivaten ist Erbrechen sogar kontraindiziert. Die Entscheidung trifft die tierärztliche Praxis.
- Keine Hausmittel wie Milch oder Salz – beides kann die Situation verschlimmern.
- Legen Sie den Hund auf dem Weg in die Praxis auf die Seite und achten Sie darauf, dass er frei atmet. Bei Krämpfen nicht festhalten, sondern Umgebung polstern.
Wichtige Notfallnummern in und um Hannover
- Klinik für Kleintiere, Tierärztliche Hochschule Hannover, 24-Stunden-Notdienst: +49 511 953-6200.
- Klinik für Heimtiere, Reptilien und Vögel der TiHo Hannover: +49 511 953-6800.
- Giftinformationszentrum-Nord (GIZ-Nord), Göttingen, primär humanmedizinisch, berät aber auch bei Verdachtsfällen mit Tieren: +49 551 19240.
- Bei akuter Tierquälerei durch ausgelegte Köder: Polizei 110, anschließend Anzeige und Meldung im Veterinäramt.
Prävention: Training und Aufmerksamkeit
- Anti-Giftköder-Training: Aufbau eines sicheren „Aus"- oder „Lass es"-Signals, Verzicht auf Futter vom Boden, Belohnung bei Kontrollen auf den Menschen.
- Maulkorbtraining gehört dazu, auch wenn der Hund kein „Maulkorbhund" ist. Ein gut sitzender, luftdurchlässiger Maulkorb (Biothane oder Draht) verhindert die Aufnahme unklarer Reste und macht Tierarztbesuche sicherer.
- Im Garten: Frostschutzflaschen, Düngemittel, Rattengift und Schneckenkorn konsequent außer Reichweite; Rattengiftboxen in Nachbarschaft sichtbar markieren lassen.
- In der Wohnung: Xylit-haltige Süßigkeiten, Kaugummis, Schokolade und Weintrauben auf Brusthöhe aufwärts verstauen, nicht auf Couchtischen liegen lassen.
Im Tierheim Hannover
Jedes Jahr nehmen wir in der ersten Januarwoche mehr verirrte Hunde und Katzen auf als in jeder anderen Woche des Jahres. Fundtiere aus der Silvesternacht landen mit zerkratzten Pfoten, teils verletzt, manchmal auch orientierungslos bei uns. Eine aktuelle TASSO-Registrierung und ein gut sitzendes Halsband mit Adressmarke machen den Unterschied zwischen einem Anruf am 1. Januar und Wochen in unserer Obhut. Bei Fragen zu Vergiftungsrisiken, Maulkorbtraining oder Anti-Giftköder-Arbeit verweisen wir Sie gerne an kompetente Hundeschulen und Fachtierärzt:innen für Verhaltenskunde in der Region.
Fachquellen
- Bundestierärztekammer (BTK): Ratgeber „Silvester mit Hund und Katze" und Giftinformationen für Tierhalter.
- TASSO e. V.: Jahresbilanz zur Silvesternacht. tasso.net
- Deutscher Tierschutzbund e. V.: Positionen zum Silvesterfeuerwerk und zum Giftköderschutz.
- Gazzano, A., Mariti, C., Alvares, S., Cozzi, A., Tognetti, R., Sighieri, C. (2013): Owners as a secure base for their dogs. Behaviour 150(11), 1275–1294.
- American Veterinary Society of Animal Behavior (AVSAB): Position Statement on the Use of Acepromazine in Dogs.
- Zoetis: Zulassungsunterlagen Sileo (Dexmedetomidin-Gel), EMA 2015/2016.
- CliniPharm CliniTox, Vetsuisse-Fakultät Zürich: Vergiftungs-Datenbank.
- § 17 Tierschutzgesetz, § 303 Strafgesetzbuch.
