Ein Hund, der entspannt an locker hängender Leine mitläuft, ist für viele Halter:innen ein Wunschbild – und ein völlig realistisches. Leinenführigkeit ist nicht das Ergebnis von Drill oder Machtkampf, sondern eine erlernte Fähigkeit, die mit fairen Methoden, einer passenden Ausrüstung und Geduld Schritt für Schritt wächst. Dieser Ratgeber erklärt, warum Hunde überhaupt an der Leine ziehen, welche modernen Trainingsprinzipien funktionieren, welche Ausrüstung fachlich empfohlen wird und wo die rechtlichen Grenzen verlaufen.
Warum Hunde an der Leine ziehen
Der wichtigste Punkt vorweg: Ein Hund, der zieht, ist nicht ungehorsam und schon gar nicht „dominant". Er bewegt sich in seinem biologisch normalen Trabtempo, das deutlich über dem menschlichen Schritttempo liegt. Er reagiert auf Düfte, Geräusche und Sichtreize und hat in seiner bisherigen Lebenserfahrung meist gelernt, dass Zug sein Ziel schneller erreicht. Ziehen hat sich schlicht gelohnt – und damit verstärkt.
Die früher populäre Rudel- oder Dominanztheorie ist wissenschaftlich überholt. Selbst L. David Mech, der das Alpha-Konzept in den 1970er-Jahren ursprünglich geprägt hat, hat es inzwischen ausdrücklich zurückgenommen: Wolfsrudel sind Familien, keine Rangkampf-Hierarchien. Und der Haushund ist biologisch ohnehin nicht einfach ein zahmer Wolf. Wer sein Hundetraining auf „Rangordnung" aufbaut, kämpft gegen einen Gegner, den es nicht gibt.
Moderne Trainingsprinzipien
Berufsverbände wie der Berufsverband der Hundeerzieher und Verhaltensberater (BHV), der IBH und die American Veterinary Society of Animal Behavior orientieren ihre Ausbildungsinhalte am LIMA-Prinzip („Least Intrusive, Minimally Aversive") und setzen auf positive Verstärkung.
- Lockere Leine wird belohnt, nicht bestraft. Jeder Moment, in dem Ihr Hund von sich aus Nähe zeigt oder Sie kurz anschaut, ist einen Marker und eine kleine Belohnung wert.
- Markerwort oder Clicker als präzises Brückensignal zwischen Verhalten und Belohnung.
- Richtungswechsel und Stehenbleiben als Information, nicht als Strafe: Läuft der Hund an der Leine in eine Richtung, die Sie nicht gehen, wechseln Sie ruhig die Richtung.
- Schwierigkeitsgrad systematisch aufbauen: erst reizarme Umgebung (eigener Garten, stille Wohnstraße), dann mittlere Reize, zuletzt Reizintensiv-Situationen (Parks, andere Hunde).
- Nähe statt Drill: Ein freundliches Mitgehen neben Ihnen ist das Ziel, kein militärisches „bei Fuß". Ein Hund darf schnüffeln, schauen und Pausen machen – solange die Leine locker bleibt.
Für reaktive Hunde hat sich das „Look At That"-Training (LAT, nach Leslie McDevitt) bewährt: Ihr Hund schaut auf den Auslöser, bekommt einen Marker und eine Belohnung – der Trigger wird zum Vorhersage-Signal für etwas Positives, nicht für Stress. Details dazu passen gut in den Ratgeber Tierschutzhund oder Tierschutzkatze eingewöhnen.
Ausrüstung: Geschirr, Halsband, Leine
Brustgeschirr
Ein gut sitzendes Y- oder H-Brustgeschirr ist für die meisten Hunde die fachlich empfohlene Wahl. Es verteilt den Zug auf eine große Fläche, belastet weder Halswirbelsäule noch Luftröhre, Kehlkopf oder Schilddrüse und lässt die Vorderbeine frei beweglich. Wichtig ist die Passform: Der Brustgurt darf nicht in die Achseln einschneiden, der Y-Steg liegt am Brustbein, der Bauchgurt läuft deutlich hinter den Ellbogen. Ein zu enges Geschirr schränkt Bewegungsmuster ein, ein zu weites verursacht Scheuerstellen. Lassen Sie das Geschirr bei Bedarf in einer Hundeschule oder Physiotherapie-Praxis anpassen.
Halsband
Ein breites, weiches Halsband eignet sich für Hunde, die nicht ziehen, als Träger von Marke und ggf. als Sicherungsleine. Für ziehende Hunde ist es dagegen ungeeignet: Der gesamte Zug konzentriert sich auf Hals, Kehlkopf, Speiseröhre und Blutgefäße. Für brachyzephale Rassen (Mops, Französische Bulldogge, Boxer) und Hunde mit Schilddrüsenerkrankungen oder Bandscheibenproblemen sollte das Halsband ganz vermieden werden.
Stachelhalsband, Würger, E-Halsband
Stachelhalsbänder, Würger sowie Ultraschall-, Sprüh- und Stromimpuls-Halsbänder sind in Deutschland beim Training ausdrücklich verboten. Seit dem 1. Januar 2022 regelt dies § 2 Absatz 5 der Tierschutz-Hundeverordnung (TierSchHuV) zusammen mit § 3 Nr. 11 TierSchG. Verstöße können mit Bußgeldern von bis zu 25.000 Euro geahndet werden. Auch in Niedersachsen gelten diese Vorschriften ausnahmslos – ein Vorstoß zur Lockerung für Diensthunde ist 2021/2022 im Bundesrat gescheitert. Keine professionelle Hundeschule, die sich an die gesetzlichen und berufsethischen Grundlagen hält, setzt solche Hilfsmittel ein.
Leine
- Führleine 1,8 bis 2 Meter: Standard für das Leinenführigkeit-Training. Zwei- bis dreifach verstellbar ist praktisch.
- Schleppleine 5 bis 15 Meter: ein exzellentes Werkzeug für das Rückruftraining und sicheres Erkunden in Flächen ohne Leinenpflicht. Nur am Brustgeschirr verwenden, niemals am Halsband.
- Flexi-/Rollleine: ungeeignet für Leinenführigkeit-Training, weil sie dauerhaften Zug systematisch belohnt. Das feine Seil birgt zudem ein Verletzungsrisiko bei Stürzen. Wenn, dann nur auf offenen Flächen bei gut trainierten Hunden und nie in engem Umfeld.
- Halti/Kopfhalfter: Notbehelf für große, sehr stark ziehende Hunde. Bei ruckartigem Zug besteht Verletzungsrisiko an Halswirbelsäule und Genick; schrittweises Gewöhnen ist Pflicht. Kein Daueraustausch für echtes Training.
Schritt für Schritt zur lockeren Leine
- Aufmerksamkeits-Spiele zu Hause: Namensspiele, Handtouch, „Schau mich an" mit Futter aus der Hand. Ziel: Ihr Hund bekommt Lust auf Blickkontakt.
- Vor der Tür üben: Ruhig Leine anlegen, eine Minute Aufmerksamkeit aufbauen, dann erst losgehen. So starten Sie nicht mit einem angespannten Tier in die Welt.
- Grüne Zone festlegen: In ruhiger Umgebung belohnen Sie jeden Schritt an lockerer Leine. Der Hund lernt: Nähe bringt Belohnung, Ziehen bringt Stopp.
- Stopp bei Zug: Spannt die Leine, bleiben Sie stehen. Weitergehen erst, wenn die Leine wieder locker ist. Kein Ruck, kein Zerren – nur Information.
- Richtungswechsel: Zieht Ihr Hund Richtung Ziel, drehen Sie ruhig um. Zurückkommen wird gelobt und belohnt.
- Reize steigern: Erst nach stabilem Verhalten in reizarmer Zone dürfen Parks, andere Hunde oder Fußgängerzonen dazukommen. Jeder Trainingsabschnitt endet erfolgreich, nicht mit Überforderung.
- Schnüffeln und Pausen einplanen: Gassi ist nicht nur Bewegung, sondern Informationsaufnahme. Ein Hund, der schnüffeln und Markieren darf, ist entspannter und zieht seltener.
Leinenpflicht in Niedersachsen
Das Niedersächsische Hundegesetz (NHundG) schreibt in § 7 eine Anleinpflicht in Wäldern, auf öffentlichen Wegen innerorts und in weiteren genau definierten Situationen vor. Abweichungen gelten in ausgewiesenen Hundeauslaufflächen. Wer in Hannover regelmäßig Gassi geht, sollte die Auslaufflächen der Stadt (etwa am Maschsee, in der Eilenriede oder am Mittellandkanal) kennen und die jeweiligen Regeln beachten. Für Ersthund-Halter:innen verlangt das NHundG zudem einen Sachkundenachweis – detaillierte Hinweise gibt die Stadt Region Hannover.
Was Sie vermeiden sollten
- Leinenruck als „Korrektur": Er belastet den Hals, verstärkt Anspannung und kann Leinenreaktivität auslösen.
- Schimpfen bei Ziehen: Ihr Hund verbindet Ihre angespannte Stimme mit der Umwelt, nicht mit seinem Verhalten.
- Stachel- und E-Halsbänder: gesetzlich verboten und fachlich abgelehnt.
- „Dominanz"-Trainer:innen: Programme, die mit Rangordnung, Rudelführerrolle, Werfen auf den Rücken oder Zwangsmaßnahmen arbeiten, sind fachlich überholt und beim tierschutzrechtlich anerkannten Trainerverständnis ausgeschlossen.
Im Tierheim Hannover
Unsere Gassi-Gänger:innen und Tierpfleger:innen arbeiten mit Brustgeschirr, Führ- und Schleppleinen. Viele Hunde kommen mit einer Geschichte von starkem Ziehen oder mangelnder Leinenerfahrung zu uns und üben während des Tierheimaufenthalts die Grundlagen. Für die Adoption geben wir Hinweise zur passenden Ausrüstung mit und empfehlen bei Bedarf qualifizierte Hundeschulen aus der Region. Wenn das Training zu Hause stockt, melden Sie sich gern zurück – viele Herausforderungen sind mit einer Trainingsstunde deutlich schneller lösbar als mit monatelangem Alleinversuch.
Fachquellen
- Berufsverband der Hundeerzieher und Verhaltensberater (BHV): hundeschulen.de
- Internationaler Berufsverband der Hundetrainer (IBH): ibh-hundeschulen.org
- Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT): tierschutz-tvt.de
- Tierschutzgesetz (TierSchG) §§ 2, 3 und Tierschutz-Hundeverordnung (TierSchHuV) § 2 Abs. 5 – abrufbar unter gesetze-im-internet.de.
- Grainger, J., Wills, A. P. & Montrose, V. T. (2016): The behavioral effects of walking on a collar and harness in domestic dogs. Journal of Veterinary Behavior 14, 60–64.
- Cooper, J. J. et al. (2014): The welfare consequences and efficacy of training pet dogs with remote electronic training collars in comparison to reward based training. PLOS ONE 9 (9), e102722.
- Miklósi, Á. (2018): Hunde – Evolution, Kognition und Verhalten. Kosmos, Stuttgart.
