Ein Tropfen zu viel, ein Blinzeln zu lang, eine plötzliche Trübung der Hornhaut – beim Auge entscheidet oft die Aufmerksamkeit weniger Stunden darüber, ob das Sehvermögen erhalten bleibt. Augenerkrankungen gehören bei Hund und Katze zu den häufigsten tierärztlichen Vorstellungen. Viele sind gut behandelbar, einige sind echte Notfälle. Dieser Ratgeber bietet den Überblick – von der harmlosen Bindehautentzündung bis zum akuten Glaukom.
Häufige Krankheitsbilder
Konjunktivitis
Die Bindehautentzündung ist der häufigste Vorstellungsgrund. Beim Hund sind allergische und mechanische Ursachen (Fremdkörper, Entropion, trockenes Auge) dominant; bei der Katze stehen infektiöse Ursachen – vor allem das Feline Herpesvirus 1 (FHV-1) und Chlamydia felis – im Vordergrund und gehen häufig mit Schnupfensymptomen einher. Typisch sind Rötung, Ausfluss und häufiges Blinzeln.
Keratitis und Hornhautgeschwür
Hornhautulzera sind Notfälle. Tiefe oder schmelzende Ulzera können innerhalb weniger Stunden perforieren. Die Diagnose gelingt zuverlässig mit einer Fluoreszein-Färbung. Besonders gefährdet sind brachyzephale Rassen wie Mops, Französische Bulldogge und Perserkatze sowie Tiere mit trockenem Auge. Ganz wichtig: Kortisonhaltige Augensalben dürfen bei einem Hornhautulkus niemals angewendet werden – sie können die Hornhaut zum Einschmelzen bringen.
Katarakt
Die Trübung der Linse ist besonders bei diabetischen Hunden ein zentrales Thema: Rund 75 bis 80 Prozent entwickeln innerhalb eines Jahres nach der Diagnose eine Katarakt, viele deutlich früher. Therapie der Wahl ist die Phakoemulsifikation in einer ophthalmologischen Fachpraxis. Bei Katzen ist die diabetische Katarakt deutlich seltener.
Glaukom
Ein akutes Glaukom mit erhöhtem Augeninnendruck ist ebenfalls ein Notfall. Irreversible Sehverluste drohen innerhalb von 24 bis 48 Stunden. Typisch sind starke Rötung, ein trübes, schmerzhaftes Auge und eine weite Pupille. Zur Diagnose gehört die Tonometrie. Prädisponierte Rassen sind unter anderem Cocker Spaniel, Basset, Beagle und Shar Pei.
Trockenes Auge (KCS)
Die immunvermittelte Entzündung der Tränendrüse ist die häufigste Ursache für ein trockenes Auge beim Hund. Diagnostik über den Schirmer-Tränentest: Werte unter 15 mm pro Minute gelten als grenzwertig, unter 10 mm als bestätigend. Besonders betroffen sind Cavalier King Charles Spaniel, West Highland White Terrier, Englische Bulldogge und Cocker Spaniel. Die Therapie ist lebenslang und besteht meist aus Ciclosporin- oder Tacrolimus-Augentropfen plus Tränenersatzmitteln.
Entropion, Ektropion und Cherry Eye
- Entropion (Lid nach innen gerollt): Shar Pei, Chow Chow, Englische Bulldogge, Rottweiler; bei Katzen selten
- Ektropion (Lid nach außen gerollt): Bloodhound, Bernhardiner, Basset, Neufundländer
- Cherry Eye – ein Vorfall der Nickhautdrüse: Englische und Französische Bulldogge, Beagle, Cocker Spaniel, Mastiff; die heutige Therapie ist die chirurgische Reposition; die Drüse sollte nicht entfernt werden, weil sich sonst ein trockenes Auge entwickelt
Progressive Retinaatrophie (PRA)
Erbliche, fortschreitende Netzhautdegeneration, die zur Blindheit führt. Bei vielen Rassen durch DNA-Tests in der Zucht eingrenzbar. Keine kausale Therapie möglich, die Tiere kompensieren den langsamen Sehverlust aber oft erstaunlich gut.
Uveitis
Die Entzündung der mittleren Augenhaut ist häufig Hinweis auf eine systemische Erkrankung. Bei der Katze: FIP, FeLV, FIV, Toxoplasmose, Bartonellose. Beim Hund: Leishmaniose, Ehrlichiose, Trauma, immunmediierte Erkrankungen. Das Auge gehört zusammen mit dem Rest des Tieres durchgecheckt.
Plötzlicher Sehverlust im Alter (SARDS)
Das Sudden Acquired Retinal Degeneration Syndrome trifft vor allem ältere Hündinnen: Innerhalb weniger Tage erblindet das Tier, während die Netzhaut zunächst unauffällig wirkt. Die Diagnose erfolgt per Elektroretinogramm (ERG). Die Ursache ist bis heute ungeklärt, eine etablierte Therapie gibt es nicht.
Hornhautsequester der Katze
Eine braun-schwarze Hornhautverfärbung, vor allem bei Perser-, Himalaya- und Exotic-Shorthair-Katzen. Zusammenhänge mit FHV-1 werden diskutiert. Therapie meist chirurgisch durch Keratektomie in einer ophthalmologischen Fachpraxis.
Brachyzephale Augenbelastung
Möpse, Französische und Englische Bulldoggen, Pekinesen und Perserkatzen haben anatomisch flache Augenhöhlen, weite Lidspalten und ungenügenden Lidschluss. Die Folge: deutlich erhöhte Risiken für Hornhautulzera, Pigmentkeratitis, Augentrockenheit und den dramatischen Augapfelvorfall (Proptosis) nach Trauma. Zuchtentscheidungen sollten diese Belastung ernst nehmen.
Notfälle – sofort in die Klinik
- akuter Sehverlust
- starke Rötung mit Trübung und Schmerz (Glaukom-Verdacht)
- tiefe oder schmelzende Hornhautgeschwüre
- Proptosis (Augapfelvorfall) nach Unfall oder Biss
- Kontakt mit Chemikalien oder Fremdkörper im Auge
Zeichen, die Halter:innen kennen sollten
- Rötung, Ausfluss, häufiges Blinzeln oder Zukneifen
- Reiben am Auge, Pfoten im Gesicht
- Trübung der Hornhaut, „milchiger" Blick
- Lichtempfindlichkeit, veränderte Pupillen
- Anstoßen an Möbeln, unsicherer Blickkontakt
- sichtbares drittes Lid
Diagnostik in der Praxis
- Adspektion mit fokaler Beleuchtung und Vergrößerung
- Fluoreszein-Test bei Ulkusverdacht
- Schirmer-Tränentest
- Tonometrie
- direkte und indirekte Ophthalmoskopie
- ergänzend Spaltlampe, okuläre Sonografie, ERG oder CT/MRT
Behandlungsprinzipien
Die Therapie richtet sich nach Ursache und Tiefe der Schädigung. Topische Antibiotika oder antivirale Mittel, Tränenersatz, Immunmodulatoren, Augeninnendrucksenker, Mydriatika und eine konsequente Schmerztherapie gehören zum Standardarsenal. Chirurgisch sind Lidkorrekturen, Nickhautdrüsenreposition, Keratektomie, Kataraktoperation und im letzten Schritt die Enukleation (Entfernung des Auges) möglich – immer mit dem Ziel, Schmerzfreiheit und Lebensqualität wiederherzustellen.
Vorbeugen und Alltag
- tägliche kurze Augen- und Gesichtspflege, besonders bei Langhaar- und Brachyzephalrassen
- Ausfluss sanft mit feuchten Pads entfernen
- jährliche tierärztliche Augenuntersuchung bei prädisponierten Rassen und Senioren
- in der Zucht: ECVO- oder DOK-Augenuntersuchung, DNA-Tests für PRA, Katarakt, CEA und andere
- bei Freigang: Verletzungsgefahren minimieren, regelmäßige Kontrolle auf Trübungen oder Ausfluss
Augenerkrankungen im Tierheim-Alltag
Kaum eine Woche vergeht ohne einen Neuzugang mit Augenproblemen – Fundhunde mit Granne, Kitten mit Herpesausfluss, ältere Hunde mit beginnender Katarakt. Wir arbeiten mit ophthalmologisch erfahrenen Praxen zusammen und achten darauf, dass Tiere mit chronischen Augenleiden in ein Zuhause kommen, in dem die notwendige Tropftherapie zuverlässig umgesetzt wird. Ein gut geführtes Auge ist oft der Unterschied zwischen „dauerhaft entzündet" und „unauffällig".
Fachquellen
- Gelatt KN et al. (Hrsg.). Veterinary Ophthalmology. 6. Auflage, Wiley-Blackwell, 2021.
- American College of Veterinary Ophthalmologists (ACVO). Öffentliche Fachinformationen und Genetics Committee.
- European College of Veterinary Ophthalmologists (ECVO). Hereditary Eye Disease Scheme / Manual.
- Maggs DJ, Miller PE, Ofri R. Slatter's Fundamentals of Veterinary Ophthalmology. 6. Auflage, Elsevier, 2018.
- Merck Veterinary Manual. Eye and Ear.
