Wenn ein Hund den Kopf schüttelt, an den Ohren kratzt oder plötzlich einen unangenehmen Geruch entwickelt, steckt in aller Regel eine Otitis dahinter – eine Entzündung des Gehörgangs. Bei Katzen ist das Bild etwas anders: Ohrmilben und Polypen spielen eine größere Rolle, Ohr-Probleme werden aber mindestens so oft übersehen. Dieser Ratgeber erklärt, wie Sie frühe Zeichen erkennen, wie die Diagnostik abläuft und welche Rolle Allergien und Rasse dabei spielen.
Wie das Ohr aufgebaut ist
Beim Hund und bei der Katze gliedert sich das Ohr in drei Abschnitte:
- den äußeren Gehörgang (Otitis externa) – bei weitem am häufigsten betroffen
- das Mittelohr mit Paukenhöhle (Otitis media) – oft als Komplikation einer chronischen Otitis externa
- das Innenohr (Otitis interna) – seltener, aber mit deutlichen neurologischen Symptomen
Primäre und sekundäre Ursachen sauber trennen
Ein Ohr entzündet sich nur selten „einfach so". Die dermatologischen Fachgesellschaften (ACVD, WAVD) arbeiten mit einem klaren Schema aus Primärursachen, Sekundärerregern, prädisponierenden und perpetuierenden Faktoren:
Primärursachen
- Allergien: atopische Dermatitis und Futtermittelunverträglichkeiten sind bei bis zu 75 bis 80 Prozent der chronischen Otitiden die eigentliche Ursache. Eine dauerhaft rezidivierende Otitis ist fast immer ein Allergie-Signal.
- Parasiten: Ohrmilben (Otodectes cynotis), selten Demodex, Sarcoptes
- Fremdkörper wie Grannen, vor allem bei Hunden im Sommer
- Polypen – vor allem bei jungen Katzen aus der Tuba auditiva
- Neoplasien, endokrine Erkrankungen (Hypothyreose, Cushing), Keratinisierungsstörungen, Autoimmunerkrankungen
Prädisponierende Faktoren
- Hängeohren (Cocker Spaniel, Basset, Labrador, Golden Retriever)
- enger Gehörgang (Shar Pei, Chow Chow)
- starke Behaarung im Gehörgang (Pudel)
- Feuchtigkeit nach dem Schwimmen oder falsches Putzen
Sekundäre Erreger
- Malassezia pachydermatis – häufigster Hefepilz, braunes Sekret, süßlich-ranziger Geruch
- Staphylococcus pseudintermedius – häufigstes Bakterium
- Pseudomonas aeruginosa – gefürchtet wegen häufiger Mehrfachresistenzen; braucht ein Antibiogramm
- weitere Bakterien wie Proteus, E. coli, Streptokokken
Perpetuierende Faktoren
Gehörgangshyperplasie, Mineralisierung, Trommelfelldefekte und eine schleichend übersehene Otitis media können ein Ohr dauerhaft „im Kreis laufen" lassen.
Typische Symptome
- Kopfschütteln, Kratzen und Reiben am Ohr
- ein unangenehmer, oft süßlicher oder fauliger Geruch
- sichtbares Sekret: krümelig-schwarz bei Milben, dunkelbraun-ölig bei Malassezia, gelblich-eitrig bei bakterieller Otitis
- Rötung, Schwellung und Schmerzhaftigkeit
- bei Beteiligung von Mittel- oder Innenohr: Kopfschiefhaltung, Augenzucken, Gleichgewichtsstörungen, gelegentlich Horner-Syndrom
Wie die Diagnose gestellt wird
- klinische Untersuchung mit Blick auf die Haut des übrigen Körpers
- Otoskopie: Beurteilung von Gehörgang und, wenn einsehbar, Trommelfell
- Zytologie eines Ohrabstrichs – Standard. Sie unterscheidet Hefen, Kokken, Stäbchen und Milben.
- Bakteriologische Kultur mit Antibiogramm bei Stäbchen, Therapieresistenz oder Verdacht auf Pseudomonas
- Bildgebung (Röntgen der Paukenhöhle, besser CT oder MRT) bei Verdacht auf Otitis media oder neurologischen Ausfällen
- Allergiediagnostik (Ausschlussdiät, Intrakutantest, Serologie) bei chronischem oder rezidivierendem Verlauf
Behandlung
Reinigung
Spezielle Ohrreiniger mit Tris-EDTA, Salicylsäure oder Milchsäure unterstützen die Therapie; Tris-EDTA wirkt synergistisch mit Antibiotika gegen Pseudomonas. Keine Wattestäbchen tief in den Gehörgang einführen – die Gefahr, das Trommelfell zu beschädigen oder Sekret tief hineinzudrücken, ist zu groß.
Topische Therapie
Kombinationspräparate aus Antibiotikum, Antimykotikum und Glukokortikoid (etwa Surolan, Easotic, Otomax) decken die häufigsten Situationen ab. Bei Pseudomonas erfolgt die Auswahl gezielt nach Antibiogramm. Bei einem perforierten Trommelfell dürfen nur ototoxisch unbedenkliche Wirkstoffe eingesetzt werden.
Bei Ohrmilben
- Selamectin als Spot-on
- Moxidectin in Kombination mit Imidacloprid
- Isoxazoline wie Fluralaner oder Sarolaner – zunehmend Standard
- alle Tiere im Haushalt mitbehandeln
Systemische Therapie und Grundursachen
- kurze systemische Kortikosteroid-Kur bei starkem Juckreiz und Schwellung
- systemische Antibiose nach Antibiogramm bei Mittel- oder Innenohr
- Allergie-Management: Ausschlussdiät, allergen-spezifische Immuntherapie, moderne Wirkstoffe wie Oclacitinib oder Lokivetmab bei atopischer Dermatitis
- endokrinologische Abklärung bei Verdacht auf Schilddrüsen- oder Cushing-Problematik
Chirurgische Optionen
Bei End-Stage-Otitis mit irreversiblen Gehörgangsveränderungen ist die TECA-BO (Total Ear Canal Ablation mit Bulla-Osteotomie) ein spezialisierter Eingriff, der chronisch leidende Tiere endgültig schmerzfrei machen kann.
Besonderheiten bei der Katze
- Ohrmilben sind bei Kitten und Tierheimkatzen extrem häufig; mehr als die Hälfte der Jungtiere in Gruppenhaltung kann betroffen sein
- Inflammatorische Polypen bei jungen Katzen zeigen sich oft als einseitige Otitis media mit Niesen, Stridor oder Horner-Syndrom; Therapie durch Traktion-Avulsion oder Bulla-Osteotomie
- Aurikularhämatome durch heftiges Kopfschütteln gehören umgehend in die Tierarztpraxis, um Deformationen zu vermeiden
- einige Ohrwirkstoffe sind für Katzen ungeeignet; Permethrin ist bei Katzen streng kontraindiziert
Vorbeugen
- regelmäßige wöchentliche Sichtkontrolle der Ohren
- bei Schwimm- oder Bade-Hunden: Ohren danach mit weichem Tuch am Ohreingang abtrocknen
- keine Wattestäbchen, keine Hausmittel
- bei Hängeohr-Rassen: vorsichtige, aber nicht übertriebene Routinepflege – die physiologische Wachsbarriere wird sonst zerstört
- bei ersten Anzeichen früh abklären lassen; viele chronische Verläufe beginnen mit einer vermeintlich kleinen Gereiztheit
Ohrenerkrankungen im Tierheim-Alltag
Bei uns begegnen uns Ohrenthemen sehr häufig: Fundhunde mit Grannen, Kitten mit Milben, Cocker-Hündinnen mit seit Jahren unbehandelter Atopie. Wir lassen jeden verdächtigen Befund zytologisch untersuchen, behandeln gezielt und arbeiten mit dermatologisch erfahrenen Praxen zusammen, wenn eine Grunderkrankung wie Allergie oder Hypothyreose im Spiel ist. Mit konsequenter Therapie bekommen wir fast jedes Ohr wieder ruhig – und geben Halter:innen einen klaren Plan mit, wie der Zustand stabil bleibt.
Fachquellen
- Paterson S (Hrsg.). BSAVA Manual of Canine and Feline Ear, Nose and Throat Disorders. British Small Animal Veterinary Association.
- American College of Veterinary Dermatology (ACVD). Konsensuspapiere zur caninen atopischen Dermatitis und Otitis.
- Merck Veterinary Manual. Otitis Externa in Small Animals; Otitis Media and Interna.
- World Association for Veterinary Dermatology (WAVD). Konsensuspapiere zur Otitis-Diagnostik.
- Miller WH, Griffin CE, Campbell KL. Muller and Kirk's Small Animal Dermatology. Elsevier.
