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Das Tierheim ist an jedem zweiten und jedem letzten Samstag im Monat zwischen 12:00 und 15:00 Uhr für Besucher geöffnet.

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Der Kangal – ein Herdenschutzhund als Haustier

Ratgeber

Groß, laut, eigenständig und zutiefst missverstanden: Susanne Wondollek porträtiert den Kangal – und wirft einen klaren Blick auf den Missbrauch der Rasse in illegalen Hundekämpfen.

Oft wird der Kangal auf eine Stufe mit sogenannten Listenhunden gestellt und den Kampfhunden zugeordnet – zu Unrecht. In Berlin und Sachsen, wo nach Hunderassen differenzierte Statistiken zu Beiß- und sonstigen Vorfällen geführt werden, rangiert der Kangal ganz unten und weit abgeschlagen hinter anderen Rassen wie Golden Retriever und Labrador. Als Listenhund der Kategorie 2 beziehungsweise 0 taucht er nur in zwei Bundesländern auf (Hamburg und Hessen). Das verwundert nicht, denn er ist von Natur aus ein friedliebender, umgänglicher und zudem hübscher Hund.

Herkunft und Geschichte

Besonderes Kennzeichen des Kangals ist die schwarze Maske, die sich vom ansonsten hell- bis goldblonden Fell abhebt und ihm in der Türkei den Spitznamen „Karabash" – Schwarzkopf – beschert hat. Bei der FCI (Fédération Cynologique Internationale) wird er seit 2018 als „Kangal" geführt. Den Namen verdankt er der wohlhabenden Adelsfamilie Kangal aus der Region Sivas, die Haus und Hof samt umliegender Wälder, Wiesen und Weiden von selbst gezüchteten Hunden bewachen ließ. Deren imposante Größe und ungewöhnliches Aussehen fanden Bewunderer, verbreitete sich in der gesamten Türkei und wurde Nationalgut. Der Export reinrassiger Nachkommen dieser Linie ist verboten beziehungsweise nur türkischen Staatsangehörigen erlaubt.

Die Geschichte seiner unmittelbaren Vorfahren, der anatolischen Hirtenhunde, beginnt deutlich früher. Bereits im 12. Jahrhundert schützten sie im Verbund mit anderen Hunden die Schafe der Nomaden. Sie fühlten sich als Stärkste des Rudels für die Herde verantwortlich; niemand musste sie instruieren oder anleiten. Autark schützten sie sich, ihre Herde und ihr Territorium vor Raubtieren und Eindringlern – oft wochenlang, ohne einen Menschen zu sehen. Diese Spezialisierung hat den Herdenschutzhund bis heute geprägt.

Ein Hund mit Platzbedarf – XXXL

Kangal mit schwarzer Maske blickt konzentriert in die Weite

In der Türkei findet er noch immer seine Bestimmung als Bewacher von Schafherden. Um Herden vor Wölfen zu schützen, kommt er auch in Deutschland zunehmend zum Einsatz. Schwer vorstellbar, dass ein Hund mit diesen Ressourcen als Haustier in die Stadt und eine Wohnung passt – tut er auch nicht. Ein Kangal benötigt Raum und Platz. Und davon viel: Ausgewachsen bringen es einige auf 80 kg und eine Risthöhe von bis zu 85 cm – Ponyformat.

Halter:innen sollten wissen: Er braucht alles in XXXL. Und Futter ebenfalls ein bisschen mehr. Auch alles andere, was er tut, ist ein wenig überdimensioniert: Wenn er trinkt, dann den ganzen Napf leer und nicht geräuscharm. Sein Bellen harmonisiert mit seiner Größe – im Volumen wie in der Frequenz ausgeprägter als bei anderen Rassen. Ein Kangal bellt gern, viel und laut; jede Person am Zaun wird deutlich mit registriert. In seiner Wachfunktion fühlt er sich nicht nur für die eigenen vier Wände zuständig, sondern für die gesamte Nachbarschaft.

Beim Gassigehen hoch konzentriert

Jede noch so kleine Veränderung wird registriert und kritisch in Augenschein genommen – sei es eine auf dem Weg entsorgte Flasche oder ein abgeknickter Ast. Gern würde er allem, was sich bewegt, hinterherlaufen, um zu kontrollieren, ob es sich um ein Reh, ein Fahrrad oder eine:n Jogger:in handelt. Junge Kangals sollten daher vor einem erfolgreich absolvierten Training nicht von der Leine gelassen werden. Unter den Tieren interessieren ihn Tauben nur mäßig, Rehe findet er in Bewegung überaus interessant – und nichts steigert seinen Adrenalinspiegel so wie Eichhörnchen. Ihr Anblick ruft regelmäßig einen tremolointensiven und manchmal hysterischen Heulgesang hervor.

Auch Kuscheln und Bauchkraulen dürfen ein bisschen ausführlicher ausfallen – schließlich gibt es mehr Fläche zu bearbeiten als bei einem Mops oder Dackel. Und wenn Kangal merkt, dass ein gemeinsamer Familienausflug ansteht, tobt er vor Freude durchs Haus, als hätte er die Millionenfrage bei Günter Jauch geknackt.

Eigener Kopf, eigenes Urteil

Agility ist nicht sein Ding und „Pfötchen geben" auch nicht. Er demonstriert deutlich, wenn er eine Ansage für unpassend hält. Was wichtig ist, entscheidet er gern selbst. Ballspiele findet er nach kurzer Zeit langweilig; Räuber und Gendarm – Fangen und Verstecken – gefällt ihm besser. Er kann stur und dickköpfig sein, und da heißt es auch mal dagegenhalten und klarstellen, wer das Sagen hat.

Heller Kangal auf einer freien Fläche

Mit Hundekumpeln aus Kindheit und Jugend geht er freundlich um. Gegenüber Hundedamen kann er regelrecht charmant sein. Mit Welpen ist er vorsichtig und liebevoll – es sei denn, sie sind respektlos und zwicken ihn in den Bauch. Dann haben sie auf Dauer bei ihm verschissen (Verzeihung). Weniger aufgeschlossen ist er gegenüber hinzugezogenen Neuankömmlingen, die beim Gassigang die Pforte seines Zuhauses markieren und sein Revier ungefragt nutzen. Das Gebiet, das ein Kangal als seins betrachtet, ist deutlich größer als das, über das seine Halter:innen verfügen.

Besuch und Begegnungen

Kangal geht aufmerksam neben einer Person

Gegenüber menschlichen Besuchern neigt er zu einer stürmischen, lautstarken und enthusiastischen Begrüßung. Sind es geladene und ihm bekannte Gäste, liegt er ihnen anschließend zu Füßen und ist einem essbaren Gastgeschenk sowie einer Krauleinheit nicht abgeneigt. Betritt dagegen eine fremde Person „sein" Grundstück oder bedroht jemand aus seiner „Herde", versteht er keinen Spaß. Briefträger:innen und Paketzusteller:innen sollten entsprechend instruiert werden. Auch hier sollte Mensch deutlich machen, wer im Grundbuch steht, Steuern zahlt und die Oberaufsicht hat.

Fazit – und eine klare Warnung, für wen er nicht geeignet ist

Ein Kangal passt nicht in eine Stadtwohnung in hoher Etage. Zwei kleine Spaziergänge „um die Ecke" reichen ihm nicht. Er braucht Platz, Raum und idealerweise eine Aufgabe, die nicht zwingend mit Schafen zu tun haben muss. Für Familien mit Kleinstkindern ist er ebenso wenig geeignet wie für ältere, gehbeeinträchtigte Menschen – beide könnte er, ohne bösen Willen, zu Fall bringen. Hundeanfänger:innen sollten die Finger von ihm lassen. Er lernt schnell, ist aber nicht einfach zu erziehen. Mit einem möglichst herdenschutzhundeerfahrenen Trainer oder einer Trainerin kann er zu einem wunderbaren, treuen und einfühlsamen Begleiter werden.

Und übrigens: Glauben Sie niemandem, der behauptet, Kangals würden nicht schmusen. Sie lieben es.

Der Missbrauch von Kangals

Was darf es sein? YouTube und TikTok bieten Kangal gegen Argentino, Kangal gegen Rottweiler, Kangal gegen Pitbull. Aber auch Kangal gegen Hyäne, Tiger, Braunbär oder Wolf sind im Angebot. Einzelne Videoclips wurden millionenfach aufgerufen: Hundekämpfe mit Kangal-Beteiligung scheinen in bestimmten Kreisen sehr beliebt zu sein. Nach Pitbulls und Staffordshires sind Kangals jüngstes Opfer dieser Szene. Skrupellos wird ihr imposantes Aussehen und die einem Löwen ähnliche Beißkraft ausgenutzt.

Bereits zwei Wochen nach der Geburt werden männliche Welpen von ihrer Mutter getrennt. Die Hundekampf-Fanatiker machen sich zur alleinigen Bezugsperson und richten den Kangal mit akustischen Signalen ab. Systematisch wird ihm das Sozialverhalten gegenüber anderen Hunden abtrainiert. Kurz kupierte Ohren unterbinden zusätzlich die Verständigung mit Artgenossen. Trainiert wird nachts, an wechselnden und geheimen Orten. Dachse, Waschbären und Katzen müssen herhalten, um Blut- und Kampflust aufzubauen. Resultat dieser „Ausbildung" ist eine aggressive Tötungs- und Kampfmaschine, der jegliche von Natur gegebene Beißhemmung genommen wurde.

Sowohl die gezielte Abrichtung als auch Hundekämpfe selbst sind in asiatischen und arabischen Ländern gang und gäbe, in Deutschland wie in der gesamten EU jedoch verboten. Dennoch sind hierzulande mehrere Hundekampfringe bestens organisiert im Untergrund aktiv. Ihre Opfer werden eigens produziert: Geeignete reinrassige Zuchtkangals finden sich zu Dumpingpreisen im Netz, auffällig ist der hohe Anteil männlicher Hunde. Was mit Kangalweibchen passiert, die nicht als Vermehrungshund missbraucht werden, bleibt offen. Eventuelle Geldstrafen schrecken die Hundekampf-Fanatiker nicht ab; sie liegen weit unter den lukrativen Wettgewinnen. Für einen Kangalkampf liegen die Einsätze bei 15.000 Euro.

In der Öffentlichkeit zu sehen bekommt man die Wettkampfbeteiligten höchstwahrscheinlich nie. Sie werden in Zwingern, Kellern und auf Hinterhöfen gehalten und, wenn überhaupt, nachts ausgeführt. Die im Kampf Unterlegenen werden, sofern sie nicht bereits im Kampf verendet sind, getötet und entsorgt. Sämtliche Spuren werden beseitigt. Betty aus Oldenburg war ein Einzel- und Ausnahmefall. Mehr tot als lebendig und in einen dreckigen Lappen gewickelt, wurde sie 2019 in einem Straßengraben bei Delmenhorst gefunden und im Tierheim Oldenburg abgegeben. Unzählige blutende Bisswunden und Knochenbrüche. So schlimme Verletzungen habe man noch nie bei einem Tier gesehen, so die Tierärzt:innen. Laut den Veterinären hatte sie mindestens 80 Welpen geboren. Die als freundlich und sanft beschriebene Hundedame ist eine der wenigen, die unter Tausenden missbrauchten Hunden überlebt haben.

Herdenschutzhunde im Tierheim Hannover

Im Tierheim Hannover sind aktuell drei Herdenschutzhunde untergebracht: der Langzeitinsasse Yogi-Bär sowie die Kaukasischen Owtscharkas Mischka und Boris und der Pyrenäenberghund Patou. Besonders Mischkas Schicksal rief in den Medien wie im Tierheim Entsetzen hervor. Er wurde, mit Kabel festgebunden, an einem Altkleidercontainer ausgesetzt. Ein wunderschöner Hund, der noch des Feinschliffs bedarf. Wolfgang Kriegler hofft, dass sich für den etwa zweijährigen Riesen ein passendes, möglichst herdenschutzerfahrenes Zuhause findet.

Ist Mischka ein Corona-Opfer? Wolfgang Kriegler schließt das nicht aus. Die Zahl derer, die abgegeben oder ausgesetzt wurden, habe mit der Pandemie etwas zugenommen. „Die Leute waren mehr zu Hause, fühlten sich einsam und gelangweilt und sind dann auf Hundeseiten gelandet", sagt der erfahrene Tierpfleger. Doch ein Herdenschutzhund wie der Owtscharka birgt das besondere Risiko, seinem teddygleichen Gesichtsausdruck im Welpenalter zu verfallen. Auch übe der melancholische Ausdruck seiner Augen eine besondere Anziehungskraft aus: „Viele finden ihn süß und fühlen sich durch das Niedlich-Babyhafte sofort angesprochen, ohne Näheres über die Hunderasse zu wissen." Das räche sich, wenn nach der Welpenzeit die typischen Verhaltensweisen von Kangals, Pyrenäenberghunden und Owtscharkas zum Vorschein kämen.

Nicht selten sind Halter:innen dann überfordert, geben die Hunde ab – oder setzen sie aus wie im Fall von Mischka. „Die entscheiden selbst, wen sie mögen und wem sie gehorchen", so Wolfgang Kriegler. Das seien eben keine Schäferhunde, die für eine Vielzahl von Einsätzen im Polizei- und Schutzdienst abrichtbar wären. Die Eigenständigkeit der Herdenschutzhunde, ihr Schützen, Behüten und Bewachen-Wollen sei Teil ihres Erbguts. Das gelte auch für den Jagdtrieb: „Die Hunde versorgen sich in Anatolien zeitweilig selbst."

Als problematisch sieht er auch die unkontrollierte Vermehrung der Kangals und die Mischung mit verschiedenen Rassen. Seriöse und behördlich angemeldete Züchter:innen gibt es in Deutschland nur äußerst wenige. In Handelsforen dagegen seitenweise von Hobbyzüchter:innen und Vermehrer:innen „produzierte" Welpen und Junghunde. Gehäuft werden sie im Alter von zwei bis drei Jahren „aus persönlichen Gründen" abgegeben oder zu Dumping-Preisen verkauft.

Wolfgang Kriegler, dem unzählige Hunde ihr Leben verdanken, wünscht sich von Hundeinteressent:innen, sich nicht nur an äußerem Erscheinungsbild zu orientieren, sondern sich über die Besonderheiten einer Rasse kundig zu machen. Diese müsse zu Lebensumfeld, Gewohnheiten und Tagesablauf der Halter:innen passen.

Ein Hund ist kein T-Shirt, das man für eine Saison kauft. Man ist für ihn verantwortlich. Und das sein Leben lang.

Wolfgang Kriegler, Tierheim Hannover

Literaturnachweise

  • hundestar.de – Kangal-Porträt
  • verbandherdenschutz.de – Lehrgangsskript Herdenschutzhunde
  • NDR / Studio Hannover – Warum Hirtenhunde zum Problem für Tierheime werden
  • peta.de – Illegale Hundekämpfe in Deutschland
  • diehundezeitung.com – Geschichte der „Kampfhunde"
  • Herdenschutzhund-Service e. V. – Sivas Kangal
  • tierischehelden.de – Kangal, Charakter und Haltung
  • NDR Panorama 3 – Kangals in Deutschland
  • WELT – Ettenheim, Polizei entdeckt Hundekampf-Arena im Keller

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in Struppi 2/2023, dem Vereinsmagazin des Tierschutzvereins für Hannover und Umgegend e. V.

Susanne Wondollek – Porträt der Autorin

Geprüft / Verfasst von:

Susanne Wondollek

Freie Autorin

Freie Autorin mit Interesse an Hundehaltung, Rasseporträts und Tierschutz. Susanne Wondollek verfasst für das Vereinsmagazin „Struppi" Hintergrundberichte und hat dabei auch unbequeme Themen wie den Missbrauch von Herdenschutzhunden auf dem Radar.

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