Farbratten gelten als intelligent, gelehrig und menschenbezogen – und sie sind zugleich die Heimtiere, die am häufigsten an falscher Haltung leiden. Zu kleine Käfige, Einzelhaltung, ungeeignetes Futter und mangelnde Hygiene führen regelmäßig dazu, dass Tiere mit Mycoplasmose, Tumoren oder Hinterhand-Lähmungen beim Tierarzt landen. Wer Ratten artgerecht halten möchte, bringt mindestens drei Tiere, eine großzügige, hohe Voliere, tägliche Beschäftigung und Bereitschaft zu sorgfältiger Hygiene mit. Dieser Ratgeber fasst die aktuellen Empfehlungen von TVT, Tierschutzbund und den großen Rattenhilfe-Vereinen zusammen.
Mindestens drei – warum zwei Ratten nicht reichen
Farbratten (Rattus norvegicus f. domestica) leben in komplexen Rudeln. Sie erkennen ihre Artgenossen am Geruch, pflegen einander durch stundenlanges gegenseitiges Putzen und verständigen sich auch über hochfrequente Ultraschall-Laute, die für Menschen unhörbar sind. Der Deutsche Tierschutzbund formuliert in seiner Rattenbroschüre unmissverständlich: „Einzelhaltung wäre Tierquälerei." Auch die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) weist in Merkblatt Nr. 160 darauf hin, dass Ratten nicht alleine gehalten werden dürfen.
Rattenhilfen raten aus praktischen Gründen zu mindestens drei Tieren: Bei nur zwei Ratten bleibt nach dem Tod eines Tieres ein Einzeltier zurück, oft noch ein bis zwei Jahre lang. Bei einer Dreier- oder Vierergruppe besteht die Chance, einen Nachzügler in eine noch vorhandene Restgruppe zu integrieren. Optimal sind Gruppen von drei bis sechs Tieren mit gemischter Altersstruktur.
Möglich sind gleichgeschlechtliche Gruppen – Weibchen verstehen sich untereinander in der Regel besser als Böcke – oder kastrierte Böcke in einer Weibchen-Gruppe. Eine unkastrierte gemischte Gruppe ist unverantwortlich: Ratten können vier bis sechs Würfe pro Jahr mit jeweils bis zu fünfzehn Jungtieren bekommen.
Käfiggröße: Höhe zählt
Ratten sind exzellente Kletterer, deshalb zählt neben der Grundfläche vor allem die Höhe der Voliere. Die TVT nennt für bis zu drei Ratten eine Mindestgröße von 100 × 50 × 100 Zentimetern oder alternativ einen Turmbau von 80 × 50 × 120 Zentimetern. Der Deutsche Tierschutzbund nennt 80 × 50 × 120 Zentimeter als Minimum für drei bis vier Tiere und betont: Selbst bei nur zwei Ratten sollte die Höhe nicht unter 100 Zentimeter liegen. Pro zusätzlichem Tier gilt als Faustregel eine Flächenerhöhung um etwa 20 Prozent.
Der Gitterabstand darf 1,5 Zentimeter nicht überschreiten, bei Jungtieren im Gehege nur einen Zentimeter. Viele Rattenhilfen empfehlen grundsätzlich höchstens 13 Millimeter, weil schon halbwüchsige Tiere weitere Abstände überwinden können.
Worauf Sie bei der Einrichtung achten
- Handelsübliche Kleintierkäfige erfüllen die Mindestmaße meist nicht. Geeignet sind große Volieren, umgebaute Schränke oder Eigenbauten mit Plexiglas-Schauseite.
- Etagen und Zwischenbretter aus Holz vier Mal mit Leinöl versiegeln – Urin durchtränkt sonst das Material, und Ratten nagen alles an, was greifbar ist. Gitterroste gehören nicht ins Gehege: Sie verursachen schmerzhafte Fußballen-Geschwüre (Pododermatitis).
- Keine Laufräder – Ratten verdrehen sich darin Wirbelsäule und den langen Schwanz.
- Überlappend angeordnete Ebenen verhindern Abstürze aus der Höhe.
- Mehrere Schlafhäuschen (mindestens 15 × 20 Zentimeter pro zwei Tiere) und getrennte Rückzugsplätze.
- Einstreu staubarm: Hanfeinstreu, Leinenpellets, Buchenholzgranulat; Sägemehl und Weichholzspäne belasten die Atemwege und sind ungeeignet.
Beschäftigung für kluge Köpfe
Ratten gehören zu den intelligentesten Heimtieren überhaupt. Eine leere Voliere mit ein paar Sitzbrettern reicht ihnen nicht – sie langweilen sich, werden übergewichtig und entwickeln Verhaltensauffälligkeiten. Nutzen Sie die Vielseitigkeit der Tiere:
- Kletteräste aus ungespritztem Apfel-, Birn- oder Haselnuss-Holz, Seile aus Sisal oder Baumwolle (ohne Schlaufen, in denen sich Krallen verfangen).
- Hängematten in mehreren Höhen, Tunnel aus Kork oder Pappe, Weidebrücken.
- Buddelkisten mit Pappschnipseln, Heu, Kork oder Erde zum Wühlen und Verstecken.
- Futter-Suchspiele – etwa leere Papprollen mit Futter gefüllt, kleine Labyrinthe aus Pappkartons.
- Clickertraining: Ratten lernen in wenigen Tagen, auf Pfoten-Signale oder Namen zu reagieren, und sind dabei hochmotivierte Schüler.
- Täglich mindestens ein bis zwei Stunden kontrollierter Freilauf in einem rattensicheren Raum – Stromkabel abdecken, Giftpflanzen entfernen, Kippfenster sichern, Spalten hinter Möbeln verschließen.
Ernährung: vielseitig, aber nicht zu üppig
Basis ist eine hochwertige Körnermischung ohne Zuckerzusätze, Melasse oder bunte Extrudat-Kugeln. Dazu gehören täglich kleine Mengen Frischfutter: Gemüse wie Paprika, Gurke, Möhre, Fenchel, Zucchini, Blattsalate (nicht nur Eisberg), dazu Kräuter wie Petersilie oder Basilikum. Obst wird in kleinen Stücken angeboten, Zitrusfrüchte sollten wegen des hohen Säuregehalts bei männlichen Tieren ganz wegfallen – Studien zeigten bei Rattenböcken nierenschädigende Effekte von D-Limonen.
Ratten sind Allesfresser. Ein bis zwei Mal pro Woche gehört ein Stück tierisches Eiweiß dazu: Mehlwürmer, ein Stück hart gekochtes Ei (mitsamt Schale), fettarmer Quark, gelegentlich ein kleines Stück mageres Geflügelfleisch. Was nicht ins Gehege gehört: Süßigkeiten, Wurst, stark gesalzene Speisen, Hunde- oder Katzenfutter als Hauptnahrung, rohe Kartoffeln und rohe Bohnen. Frisches Wasser gibt es aus Nippeltränke oder standfestem Napf, täglich gewechselt.
Die Tagesration ist überschaubar: rund 15 bis 20 Gramm Körnerfutter pro Tier. Zu großzügige Portionen fördern Übergewicht, Leberverfettung und Fußballen-Geschwüre. Ratten verstecken Futter gern – Reste sollten Sie täglich aus den Schlafplätzen holen, damit nichts schimmelt.
Lebenserwartung und typische Erkrankungen
Farbratten werden im Schnitt zwei bis drei Jahre alt, Ausnahmen erreichen vier. Diese kurze Lebenserwartung ist einer der wichtigsten Punkte in der Vorab-Beratung: Wer sich Ratten ins Haus holt, bekommt intensive Bindung auf Zeit – der Abschied kommt schneller, als es einem bei diesen klugen Persönlichkeiten lieb ist.
Häufige Gesundheitsprobleme sind die chronische Atemwegserkrankung Mycoplasmose, Tumoren (insbesondere Mammatumoren bei Weibchen), Pododermatitis durch harte Böden, Parasiten wie Milben und Haarlinge sowie altersbedingte Hinterhand-Schwäche bei Senior-Ratten, vor allem Böcken. Der ausführliche Krankheits-Ratgeber zu Mycoplasmose und Tumoren geht auf die beiden wichtigsten Themen vertieft ein.
Eine frühe Ovariektomie (Entfernung der Eierstöcke) bei Weibchen vor dem sechsten Lebensmonat senkt das Mammatumor-Risiko deutlich. Ob die Operation für Ihre Tiere sinnvoll ist, besprechen Sie mit einer tierärztlichen Praxis mit Heimtier-Schwerpunkt.
Hygiene schützt die Atemwege
Frischer Rattenurin enthält viel Ammoniak, der in schlecht belüfteten Käfigen die Atemwege reizt und Mycoplasmose-Schübe triggert. Einmal pro Woche gehört die Voliere komplett gereinigt, bei größeren Gruppen oder hohem Besatz sogar zweimal. Urinecken sollten Sie täglich kurz abwischen. Nicht hinnehmbar sind muffiger Geruch oder beißende Ammoniak-Nasenreizung – beides zeigt, dass die Hygiene nicht ausreicht.
Alltag mit Ratten
Ratten sind dämmerungs- und nachtaktiv. Die Hauptaktivität liegt am frühen Morgen und am Abend, der Wach-Ruhe-Rhythmus wechselt alle ein bis vier Stunden. Ein ruhiger Standort fernab von Dauerlärm und Fernseher ist wichtig. Die Zimmertemperatur sollte zwischen 18 und 23 Grad liegen, Zugluft und direkte Sonneneinstrahlung sind zu vermeiden.
Rattenhaltung ist Erwachsenenverantwortung. Kinder können begeisterte Mitbewohner:innen sein, sollten aber nicht allein für die Pflege zuständig sein. Ratten werden nie am Schwanz hochgehoben – der Schwanz kann abreißen oder dauerhaft geschädigt werden. Das Tier hebt man mit beiden Händen unter Brust und Hinterteil.
Im Tierheim Hannover
Im Tierheim Hannover wartet derzeit keine Ratten auf ein neues Zuhause.
Woher die Ratten kommen sollten
Rattenhilfen und Tierheime geben Ratten kastriert (bei Böcken) oder zumindest tierärztlich durchgecheckt ab, beraten zur Gruppenzusammensetzung und haben oft bereits vergesellschaftete Dreier- oder Vierergruppen zur Aufnahme bereit. Der Zoohandel arbeitet nach anderer Logik: Jungtiere werden häufig zu früh von der Mutter getrennt, stammen aus überzüchteten Linien mit hoher Tumor- und Qualzucht-Belastung (Rex, Nackt, Patchwork, Tailless werden von der TVT als Qualzuchten eingestuft) und werden ohne Beratung abgegeben. Wer sich Ratten ins Haus holen möchte, beginnt die Suche deshalb im Tierheim oder bei einer Rattenhilfe.
Fachquellen
- Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e. V. (TVT): Merkblatt Nr. 160 „Heimtiere: Ratten", Stand April 2014. tierschutz-tvt.de
- Deutscher Tierschutzbund, Landesverband Rheinland-Pfalz: Broschüre „Die Haltung von Ratten". tierschutz-rlp.de
- aktion tier e. V.: „Ratten im Rudel halten". aktiontier.org
- Rattenhilfe Nordwest e. V.: Grundlagen artgerechter Rattenhaltung. rattenhilfe-nordwest.de
- Gabrisch, K. / Zwart, P. / Ewringmann, A.: Krankheiten der Heimtiere. Schlütersche Verlagsgesellschaft, aktuelle Auflage.
- § 2 Tierschutzgesetz (TierSchG). gesetze-im-internet.de
