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title: Scheue und ängstliche Tiere eingewöhnen — Tierschutzverein Hannover
url: https://tierheim-hannover.de/ratgeber/scheue-aengstliche-tiere-eingewoehnen/
date: 2026-04-22
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# Scheue und ängstliche Tiere eingewöhnen

Tiere aus dem Tierschutz bringen Geschichten mit, die wir oft nur bruchstückhaft kennen. Auslandshunde, die den Sprung von der Tötungsstation in eine deutsche Wohnung verarbeiten müssen. Streunerkatzen, die gelernt haben, dass Menschen eher Stein als Streicheleinheit bedeuten. Tiere aus Animal-Hoarding-Wohnungen, die nie erlebt haben, wie ein Staubsauger klingt. Wer ein scheues oder ängstliches Tier adoptiert, braucht vor allem eines: Geduld – und die Bereitschaft, Vertrauen in Wochen und Monaten aufzubauen, nicht in Tagen. Dieser Ratgeber zeigt, was Verhaltensmedizin, Tierschutzverbände und aktuelle Studien raten.



Warum Tierschutz-Tiere oft scheu sind



Ängstliches Verhalten ist selten „Charaktersache". In den allermeisten Fällen steht eine konkrete Lebensgeschichte dahinter:



Fehlende frühe Sozialisation. Bei der Katze reicht die sensible Phase von der zweiten bis siebten Lebenswoche. Was das Kitten in dieser Zeit nicht kennenlernt – ruhigen menschlichen Umgang, Alltagsgeräusche, Autos, andere Tiere –, lässt sich später nur mit viel Mühe nachholen. Beim Hund liegt das entsprechende Zeitfenster zwischen der dritten und zwölften Lebenswoche.Straßen- und Streunerherkunft. Tiere aus südeuropäischen Auffangstationen oder aus Streunerprojekten haben Menschen häufig nur als Bedrohung erlebt. Der Wechsel in eine Wohnung ist für sie zunächst ein Schock, kein Glücksfall.Vernachlässigung oder Misshandlung. Abgabe­tiere aus problematischen Haushalten verbinden konkrete Situationen – hochgerissene Hände, laute Stimmen, Alleinsein – mit Angst.Animal Hoarding. Tiere aus Hoarding-Wohnungen waren oft überreizt und gleichzeitig isoliert; sie zeigen besonders häufig Deprivationsschäden.



Auch der Wechsel vom Tierheim in ein Zuhause ist selbst schon ein Stressor. Die gewohnte Umgebung, der bekannte Mensch, die bekannten Gerüche – alles neu. Die ersten Tage und Wochen brauchen Sie deshalb nicht als „Start" zu sehen, sondern als Dekompression.



Hund: Die 3-3-3-Regel als grobe Orientierung



Die in Tierschutzkreisen verbreitete 3-3-3-Regel wird unter anderem von der ASPCA und vielen deutschen Tierheimen als Orientierung genutzt: die ersten drei Tage sind Dekompression, die ersten drei Wochen Eingewöhnung mit erstem Regelwerk, und erst nach drei Monaten beginnt ein Hund wirklich, sich im neuen Zuhause zu zeigen. Bei ehemaligen Straßenhunden, besonders Auslandsrückkehrern, kann dieser Prozess deutlich länger dauern – von neun Monaten bis zu zwei Jahren.



In den ersten Tagen sollten Sie auf möglichst wenig setzen: kein Besuch, keine ausgedehnten Spaziergänge, keine anderen Hunde. Der Hund lernt seinen Rückzugsort (eine Decke, eine Box, ein ruhiges Zimmer) kennen, begegnet den Menschen im Haushalt in ruhiger Stimmung und nimmt in seinem Tempo Kontakt auf. Ein Sicherheits- oder Panikgeschirr mit doppelter Sicherung (Halsband und Geschirr, zwei Karabiner oder Doppelleine) ist in den ersten Wochen Pflicht – ein normales Geschirr reicht bei panischen Reaktionen oft nicht aus, und ausgebrochene Tierschutzhunde gehören zu den häufigsten Suchmeldungen bei TASSO.



Routine hilft: feste Fütterungszeiten, feste Gassi-Runden, bekannte Wege. Neue Reize dosieren Sie bewusst – ein Fußgänger, ein Hund, ein Auto. Nicht alles an einem Tag.



Katze: Das Prinzip Schildkrötenkatze



Scheue Katzen brauchen ein klar definiertes Rückzugsgebiet und die Freiheit, aus dem Versteck zu kommen, wenn sie es selbst entscheiden. Der Deutsche Tierschutzbund und TASSO sprechen vom Prinzip der Schildkrötenkatze: Sie zieht den Kopf ein und wartet, bis sie sich sicher fühlt.



Konkret heißt das: ein eigener Raum, in dem es Futter, Wasser, Katzentoilette, Kratzmöglichkeit und mehrere erhöhte Rückzugsplätze gibt. Setzen Sie sich immer wieder ruhig in den Raum, ohne die Katze aktiv aufzusuchen. Sprechen Sie leise, vermeiden Sie direkten Blickkontakt – wer einer Katze stundenlang starr in die Augen schaut, setzt sie unter Druck.



Ein hilfreiches Signal ist das langsame Blinzeln: Eine Studie von Humphrey, Proops und Kolleg:innen (Scientific Reports, 2020) konnte in zwei Experimenten zeigen, dass Katzen auf langsames Blinzeln ihres Menschen signifikant häufiger mit eigenem Blinzeln reagieren und sich fremden Personen schneller nähern, wenn diese die Geste zeigen. Slow Blinking ist damit das vielleicht einfachste Beruhigungssignal überhaupt.



Wie lange Katzen brauchen, bis sie sich öffnen, ist individuell. Der Tierschutzbund weist darauf hin, dass es bei extrem scheuen Tieren ein Jahr und länger dauern kann. Wer diesen Zeithorizont akzeptiert, wird oft erstaunt sein, wie weit ein Tier am Ende aus seiner Deckung herauskommt.



Trigger-Stacking: Warum Reize nicht zusammen stattfinden sollten



Der Begriff Trigger-Stacking stammt aus der modernen Verhaltensmedizin (u. a. Kelly Ballantyne, American College of Veterinary Behaviorists, und die International Association of Animal Behavior Consultants). Er beschreibt, dass einzelne, für sich noch erträgliche Belastungen sich addieren, bis ein Tier über seine Reizschwelle hinaus gerät: Umzug plus neues Futter plus Tierarzttermin plus Besuch am Wochenende lässt auch ein stabiles Tier kippen – bei einem scheuen potenziert sich der Effekt.



Die Faustregel lautet deshalb: nur ein neuer Reiz pro Tag, und nach belastenden Ereignissen mindestens 48 bis 72 Stunden Ruhe einplanen. Tierarzttermine, die nicht akut sind, verschieben Sie in die zweite bis dritte Woche. Auf Besuch verzichten Sie in den ersten 14 Tagen komplett. Futterumstellungen werden schrittweise, nicht abrupt, eingeleitet.



Positive Verstärkung statt Druck



Fachliche Standard ist heute die positive Verstärkung (R+) nach Skinner und Karen Pryor: erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes ignoriert oder vorausschauend vermieden. Die großen Berufsverbände der Verhaltensberatung – IAABC, APDT und CCPDT – haben sich 2018 in den Joint Standards of Practice auf den Grundsatz LIMA geeinigt (Least Intrusive, Minimally Aversive). Die American Veterinary Society of Animal Behavior (AVSAB) warnt in ihrem Positionspapier 2021 explizit vor aversiven Methoden (Stachelhalsband, Sprühflasche, Alpha-Rolle, elektrische Reize), weil sie nachweislich Angst und Aggression verstärken.



Praktisch heißt das: Futterbelohnung, ruhiges Lob, gemeinsames Spiel, freiwilliger Kontakt. Nicht heißt es: an die Leine ziehen, hochheben, mit der Hand an einen Fremden herandrängen, die Katze in die Ecke kitzeln. Ein Tier, das Nähe sucht, entscheidet sich selbst dafür – das ist das Bindungsmodell, das dauerhaft trägt.



Wann Sie Tierarzt oder Verhaltenstherapie einschalten sollten



Eine gewisse Zurückgezogenheit in den ersten Tagen ist normal. Handlungsbedarf besteht, wenn eines dieser Zeichen auftritt:



Futterverweigerung: bei der Katze länger als 24 Stunden – Katzen entwickeln ab 48 Stunden Fastenzeit das Risiko einer hepatischen Lipidose, besonders übergewichtige Tiere. Bei Hunden länger als 48 Stunden oder begleitet von Erbrechen, Gelbfärbung der Schleimhäute, Apathie.Panikattacken mit Selbstverletzung oder massiven Fluchtversuchen gegen Türen und Fenster.Nicht deeskalierbare Aggression gegenüber Menschen oder anderen Tieren.Stereotype Verhaltensweisen: exzessives Lecken bei Katzen (psychogene Alopezie), Schwanz- oder Lichtjagen, Flankensaugen, Zwangs­putzen. Sie gelten als Stressausdruck und gehören ärztlich abgeklärt.



Die tierärztliche Anlaufstelle erster Wahl ist eine Fachtierärztin oder ein Fachtierarzt für Verhaltenskunde (ATF-zertifiziert). Die Gesellschaft für Tierverhaltensmedizin und -therapie (GTVMT) führt eine Liste ihrer Mitglieder. Universitäre Verhaltenssprechstunden gibt es unter anderem an der TiHo Hannover und der LMU München. Für Training und Alltags­beratung sind IAABC-, CCPDT- oder APDT-zertifizierte Verhaltensberater:innen gute Ansprechpartner – bei der Auswahl lohnt der Blick darauf, ob sich die Person ausdrücklich zum LIMA-Grundsatz bekennt.



Alltagstipps für die ersten Wochen



Einen Rückzugsort einrichten, bevor das Tier einzieht: eine Höhle, eine Box mit Decke, einen erhöhten Schlafplatz. Er darf tabu bleiben.Decken, Spielzeug oder Duftmaterial aus dem Tierheim mitbringen – bekannte Gerüche beruhigen.Das bisherige Futter in den ersten Tagen weiterführen und dann langsam umstellen. Kein Futter­wechsel und Umzug gleichzeitig.Feste Routine einhalten: Fütterungszeiten, Zubettgehzeiten, Gassi-Zeiten. Vorhersagbarkeit senkt Stress.Besuch auf das absolute Minimum reduzieren. Ein Mensch pro Woche ist für ein scheues Tier viel.Pheromon-Unterstützung ausprobieren: Adaptil für Hunde, Feliway Classic oder Feliway Optimum für Katzen. Wissenschaftlich unterstützt, wenn auch kein Wundermittel. Eine Studie von Prior und Mills (2020) zeigte in Mischhaushalten signifikant weniger Konflikte bei Einsatz von Adaptil (47 Prozent) bzw. Feliway Friends (29 Prozent).Die eigenen Erwartungen an die Beziehung herunterschrauben. „Einfach nur da sein" ist in den ersten Wochen bereits viel.



Im Tierheim Hannover



Unsere Pfleger:innen kennen die Tiere, die sie vermitteln. Sie schildern ehrlich, was sie in der Tierheimsituation beobachten – und was sich erst in Ruhe zeigen wird. Eingewöhnungsprobleme sind keine Seltenheit und kein Zeichen von Scheitern. Wenn Sie im ersten Monat unsicher sind, melden Sie sich. Wir beraten, empfehlen Fachleute aus der Region und nehmen im Notfall ein Tier zurück – ohne Schuldzuweisung.



Speziell zur Adoption von Tieren mit Auslandshintergrund haben wir den Ratgeber Auslandshunde: Adoption und Eingewöhnung veröffentlicht. Wer einen Hund oder eine Katze aus deutschen Tierheimen übernimmt, findet im Ratgeber Tierschutzhund und Tierschutzkatze eingewöhnen weitere Praxis­tipps.







Fachquellen



Humphrey, T., Proops, L., Forman, J., Spooner, R., McComb, K. (2020): The role of cat eye narrowing movements in cat–human communication. Scientific Reports 10, 16503. doi.org/10.1038/s41598-020-73426-0American Veterinary Society of Animal Behavior (AVSAB): Position Statement on Humane Dog Training, 2021. avsab.orgInternational Association of Animal Behavior Consultants (IAABC) / APDT / CCPDT: Joint Standards of Practice und LIMA-Position. iaabc.orgGesellschaft für Tierverhaltensmedizin und -therapie e. V. (GTVMT). gtvmt.deDeutscher Tierschutzbund e. V.: Merkblätter zur Eingewöhnung von Hund und Katze aus dem Tierschutz.Prior, M. R., Mills, D. S. (2020): Cats vs. Dogs: The Efficacy of Feliway Friends and Adaptil Products in Multispecies Homes. Frontiers in Veterinary Science.§ 2 Tierschutzgesetz (TierSchG). gesetze-im-internet.de
