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title: Kaninchenschnupfen — Tierschutzverein Hannover
url: https://tierheim-hannover.de/ratgeber/kaninchenschnupfen/
date: 2026-04-22
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# Kaninchenschnupfen

„Unser Kaninchen niest" – dieser Satz klingt harmlos, kann aber zu den häufigsten und hartnäckigsten Gesundheitsproblemen beim Hauskaninchen gehören. Der sogenannte Kaninchenschnupfen ist keine einzelne Erkrankung, sondern ein Sammelbegriff für infektiöse Prozesse der oberen Atemwege. Er hat das Zeug, chronisch zu werden – oder mit klugem Management über Jahre beherrschbar zu bleiben. Dieser Ratgeber erklärt, was dahintersteckt, woran Sie die Krankheit erkennen und welche Hebel Sie in der Hand haben.



Was Kaninchenschnupfen wirklich ist



Hinter dem Begriff steht eine multifaktorielle Erkrankung: verschiedene Bakterien, ein belasteter Haltungsrahmen, Stress und anatomische oder zahnärztliche Probleme wirken zusammen. Der zentrale Erreger ist Pasteurella multocida. Daneben sind Bordetella bronchiseptica, Staphylokokken, Pseudomonas und gelegentlich andere Bakterien beteiligt. Mykoplasmen werden als möglicher Kofaktor diskutiert.



Pasteurellen können in Mehrkatzen- oder Mehrkaninchenhaushalten lange unbemerkt zirkulieren. Viele scheinbar gesunde Kaninchen tragen den Erreger symptomlos in sich, bis Stress, eine Zahnerkrankung oder eine neue Haltungssituation das Gleichgewicht kippt.



Auslöser aus der Haltung



Mindestens genauso wichtig wie die Erreger sind die Bedingungen, in denen ein Kaninchen lebt. Studien und Erfahrungswerte nennen als häufige Auslöser:




Zugluft und schnelle Temperaturwechsel



eine hohe Ammoniakbelastung aus selten gewechselter Einstreu – sie reizt die Schleimhäute und schädigt die Flimmerhärchen



zu trockene Heizungsluft oder zu hohe Luftfeuchtigkeit



Stress durch Umzüge, Vergesellschaftungen, häufige Besucher oder Rangkämpfe



eine hohe Besatzdichte, gerade in Zuchten und Tierheimen



Zahnerkrankungen – Wurzelabszesse können bis in die Nasennebenhöhlen durchbrechen und den Schnupfen dauerhaft unterhalten




Typische Symptome




anfallsartiges Niesen, oft das erste Signal



Nasenausfluss – zunächst klar, später gelblich-eitrig



verklebte Innenseiten der Vorderpfoten, weil sich die Tiere die Nase daran abputzen („Schnupfpfoten")



entzündete Augen mit Bindehautentzündung oder verstopftem Tränennasenkanal



Schnaufen, Stertor oder Atemnot bei Beteiligung der tieferen Atemwege



Kopfschiefhaltung bei Mittel- oder Innenohrentzündung



Abszesse im Kiefer- oder Kopfbereich



Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Apathie




Wie die Diagnose gestellt wird



Eine oberflächliche Untersuchung reicht selten aus. Sinnvolle Bausteine sind:




eine gründliche klinische Untersuchung einschließlich Maul- und Ohrenkontrolle



ein Nasen-Tiefenabstrich mit Antibiogramm – Standard, da die Resistenzlage stark variiert. Oberflächliche Tupfer aus dem Nasenvorhof sind wenig aussagekräftig



Röntgenaufnahmen des Kopfes bei Verdacht auf Mittelohrentzündung oder Zahnwurzelbeteiligung; Computertomografie liefert deutlich mehr Information



Röntgen des Brustkorbs bei Verdacht auf eine Lungenentzündung



Blutbild und Organprofil zur Einschätzung des Allgemeinzustands




Behandlungsmöglichkeiten



Gezielte Antibiose



Wegen der wechselnden Erreger und Resistenzen gehört die Antibiotika-Wahl unbedingt in tierärztliche Hände und stützt sich auf ein Antibiogramm. Häufig eingesetzt werden Wirkstoffe wie Enrofloxacin, Marbofloxacin, Trimethoprim-Sulfonamid oder Azithromycin. Penicilline und Cephalosporine kommen ausschließlich als Injektion infrage – oral verabreicht können sie die Darmflora zerstören und lebensbedrohliche Clostridieninfektionen auslösen. Die Behandlungsdauer ist meist mehrwöchig, bei chronischen Fällen über Monate.



Inhalation und supportive Maßnahmen




Inhalation mit isotoner Kochsalzlösung, gegebenenfalls mit Mukolytika



Vernebelung, besonders bei gestressten Tieren



konsequente Schmerztherapie mit Meloxicam



Zwangsernährung mit Critical-Care-Präparaten, wenn das Tier nicht ausreichend frisst



vorsichtige Augen- und Nasenpflege mit Kochsalzlösung



Wärme- und Ruhemanagement




Chirurgische Eingriffe



Bei Abszessen, ausgeprägter Mittelohrentzündung oder beteiligter Zahnwurzel können operative Maßnahmen notwendig sein: En-bloc-Entfernung von Abszesskapseln, Bulla-Osteotomie bei Otitis media, Extraktion erkrankter Backenzähne.



Warum eine echte Heilung oft schwierig ist



Pasteurella-Bakterien legen sich als Biofilm in die feinen Windungen der Nasennebenhöhlen und der knöchernen Paukenhöhle. Antibiotika erreichen diese Nischen nur begrenzt. Ein relevanter Teil der Kaninchen bleibt lebenslang Träger. Bei Stress, einer neuen Erkrankung oder einem Umzug kann die Infektion jederzeit reaktivieren. Das Ziel der Behandlung heißt in den meisten Fällen nicht „Heilung", sondern Kontrolle der Symptome.



Prognose



Ein akuter, früh behandelter Schnupfenfall kann sehr gut ausheilen. Chronische Rhinitis, Sinusitis und Mittelohrentzündung sind dagegen meist dauerhafte Begleiter. Mit konsequenter Pflege, guter Haltung und regelmäßigen Kontrollen leben viele Kaninchen damit ein langes, gutes Leben.



Prävention und Tierheim-Alltag




Quarantäne von zwei bis drei Wochen bei jedem Neuzugang



gute Belüftung ohne Zugluft, tägliches Reinigen von Kotecken



staubarme, saugfähige Einstreu – keine stark parfümierten Produkte



stabile Gruppen, ruhige Umgebung, ausreichend Platz und Rückzugsmöglichkeiten



jährliche tierärztliche Kontrollen der Maulhöhle – Zahnprobleme sind ein häufig übersehener Motor chronischer Rhinitis



bei ersten Niesern keine „Blindtherapie", sondern zeitnah tierärztlich abklären




In unserem Tierheim in Hannover begegnet uns Kaninchenschnupfen regelmäßig – oft als Mitbringsel aus schwieriger Vorgeschichte. Wir nehmen ihn ernst, untersuchen sorgfältig und vermitteln betroffene Tiere mit offenen Karten an Halter:innen, die bereit sind, die tierärztliche Betreuung fortzusetzen. Ein Kaninchen, das einmal an Schnupfen erkrankt war, kann trotzdem ein sehr erfülltes Leben führen – mit der richtigen Pflege und einem Umfeld, in dem der Stress draußen bleibt.







Fachquellen




Ewringmann A. Leitsymptome beim Kaninchen – Diagnostischer Leitfaden und Therapie. 3. Auflage, Thieme/Enke, 2016.



Harcourt-Brown F. Textbook of Rabbit Medicine. Butterworth-Heinemann.



Meredith A, Lord B (Hrsg.). BSAVA Manual of Rabbit Medicine. British Small Animal Veterinary Association, 2014.



Quesenberry KE, Orcutt CJ, Mans C, Carpenter JW (Hrsg.). Ferrets, Rabbits, and Rodents: Clinical Medicine and Surgery. 4. Auflage, Elsevier, 2020.



Merck Veterinary Manual. Pasteurellosis in Rabbits; Respiratory Diseases of Rabbits. Online-Standardwerk.
