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title: Auslandshunde: Adoption und Eingewöhnung — Tierschutzverein Hannover
url: https://tierheim-hannover.de/ratgeber/auslandshunde-adoption-und-eingewoehnung/
date: 2026-04-22
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# Auslandshunde: Adoption und Eingewöhnung

Ein Hund auf Kettenhaltung, ein dreibeiniger Straßenhund, eine Hündin aus einer Tötungsstation: Die Bilder aus Auffangstationen im Mittelmeerraum berühren viele Menschen. Immer mehr Hunde aus dem europäischen Ausland finden ihren Weg nach Deutschland – und nicht jede Adoption geht gut. Dieser Ratgeber zeigt, was rechtlich zu beachten ist, wie Sie einen seriösen Vermittler erkennen, was in den ersten Wochen zu Hause wirklich zählt und welche medizinischen Besonderheiten Auslandshunde oft mitbringen.



Was ein „Auslandshund" ist



Als Auslandshunde werden Hunde bezeichnet, die über Tierschutzorganisationen aus dem europäischen Ausland nach Deutschland vermittelt werden – überwiegend aus Rumänien, Spanien, Griechenland, Bulgarien, Italien und Ungarn. Die Herkunft ist sehr verschieden: öffentliche Tötungsstationen („Public Shelter"), private Auffangstationen, aus dem Tierschutz gerettete Jagd- oder Herdenhunde, Straßen- oder Kettentiere. Gemeinsam ist vielen eine harte Vorgeschichte und ein Leben ohne den Sozialisationsschatz, den ein behütet aufgewachsener Welpe mitbringt.



Die rechtlichen Voraussetzungen



Wer einen Hund aus dem Ausland nach Deutschland bringen lässt, muss sich an die europäische Tierseuchengesetzgebung halten. Sie basiert auf den Verordnungen EU 576 und 577/2013 sowie der deutschen Binnenmarkt-Tierseuchenschutzverordnung. Wichtige Eckpunkte:




EU-Heimtierausweis mit lückenloser Dokumentation
Mikrochip-Kennzeichnung vor der Tollwutimpfung
Gültige Tollwutimpfung frühestens ab der 12. Lebenswoche; anschließend 21 Tage Wartezeit zum Aufbau des Impfschutzes – daraus ergibt sich ein Mindestalter von 15 Wochen für Welpen
Bei Herkunft aus nicht gelisteten Drittländern zusätzlich ein Tollwut-Antikörpertiter (FAVN) und eine dreimonatige Wartefrist
TRACES-Meldung durch die Vermittlungsorganisation, da die Vergabe tierschutzrechtlich als „Handel" gilt
Die Organisation in Deutschland braucht eine Erlaubnis nach § 11 Tierschutzgesetz




Seriöse Vermittler erkennen



Die Qualität der Organisation entscheidet über Erfolg oder Enttäuschung einer Adoption. Positive Merkmale:




schriftlicher Schutzvertrag mit Rückgabeklausel
Vor- und Nachkontrolle, auch in Form eines Videogesprächs
transparente Herkunft: Fotos vor Ort, Name des Shelters, Geschichte des Tieres
tierärztliches Gesundheitszeugnis vor Abreise, inklusive Screening auf Mittelmeer-Krankheiten
persönlicher oder telefonischer Kontakt vor der Vermittlung
nachweisbare § 11-Erlaubnis




Warnsignale:




„Hund kommt auf Autobahnparkplatz" ohne vorherigen Kontakt – typisches Muster unseriöser Vermittlung
Druckaufbau („wird sonst getötet")
sehr niedrige oder fehlende Schutzgebühr
keine Nachkontrolle, keine Rückgabeoption
lückenhafte TRACES-Dokumentation
keine Tests auf Mittelmeer-Krankheiten




Der erste Tierarztbesuch



Binnen einer Woche nach Ankunft sollte ein vollständiger Gesundheitscheck erfolgen:




großes Blutbild und Organprofil
Mittelmeer-Screening auf Leishmaniose, Ehrlichiose, Anaplasmose, Babesiose und Dirofilariose (siehe eigener Ratgeber)
Kotuntersuchung auf Würmer, Kokzidien und Giardien
Kontrolle von Zähnen, Ohren, Haut und Allgemeinzustand




Die europäische Fachorganisation ESCCAP weist ausdrücklich darauf hin: Ein unauffälliger Test direkt nach Einreise schließt eine Infektion nicht aus. Viele Erreger haben Inkubationszeiten von mehreren Monaten. Eine Nachtestung nach drei bis sechs Monaten gehört zu jeder seriösen Betreuung.



Die 3-3-3-Regel zur Eingewöhnung



Als pragmatische Orientierung hat sich eine Faustregel eingebürgert:




Drei Tage: Der Hund ist überfordert und schläft viel oder wirkt hypervigilant. Fressen und Lösen laufen oft unregelmäßig.
Drei Wochen: Er erkundet die Umgebung, zeigt erste Routinen und erste Persönlichkeit.
Drei Monate: Der Hund fühlt sich wirklich zu Hause. Die echte Persönlichkeit wird sichtbar.




Bei stark traumatisierten Tieren dauert dieser Prozess deutlich länger – oft sechs bis zwölf Monate oder mehr. Geduld ist keine Tugend, sondern die wichtigste Voraussetzung.



Die ersten Tage zu Hause




Ruhe: keine Besuche, keine Familienfeier, keine Hundeparks
eine klare Bezugsperson als Anker
Doppelte Leinensicherung: Sicherheitsgeschirr mit Bauchgurt plus Halsband, beide mit je einer Leine an einer sicheren Person – besonders beim Aussteigen aus Auto und Box
Kein Freilauf in den ersten Wochen bis Monaten, auch nicht in einem nur einfach eingezäunten Garten
ein fester Rückzugsort, der dem Hund gehört und nicht betreten wird
zunächst das gewohnte Futter weiterführen, Umstellung erst nach ein bis zwei Wochen
Geräusche, Treppen, Aufzug, Türen, Staubsauger in kleinen Schritten und mit positiver Verstärkung heranführen




Traumatische Hintergründe verstehen



Viele Auslandshunde haben keine Wohnung kennengelernt. Unbekannt sind oft Treppen, Glastüren, Parkett, Straßenlärm, Haushaltsgeräte oder auch einfach Türen, die sich schließen. Die ethologische Forschung zeigt: Die prägende Sozialisationsphase liegt in den ersten Lebenswochen. Fehlt diese Zeit, lässt sich vieles später nachholen – aber nicht alles.



Typische Trigger:




Männer, oft mit großer Statur oder Uniform (schlechte Erfahrungen im Heimatland)
Kinder, die sich schnell bewegen oder kreischen
Besenstiele, Stöcke, Mülltonnen, Motorroller
schrille Stimmen, klappernde Türen, Schüsse oder Feuerwerk




Die Stubenreinheit muss oft komplett neu aufgebaut werden – viele dieser Hunde kennen das Konzept „drinnen" und „draußen" nicht.



Umgang mit ängstlichen und unsicheren Hunden



Moderne Verhaltensmedizin und anerkannte Hundetrainer:innenverbände lehnen Dominanzmethoden, Alphawurf, harte Leinenrucke und Schockhalsbänder einhellig ab. Die alten Theorien rund um „Rudelführer" und Wolfsrudel-Analogien gelten als wissenschaftlich überholt. Stattdessen:




positive Verstärkung, Belohnung erwünschten Verhaltens
Management vor Training: Trigger vermeiden, Distanz wahren, ruhige Umgebungen wählen
professionelle Begleitung durch zertifizierte Trainer:innen mit Angsthund-Erfahrung
bei schweren Ängsten Zusammenarbeit mit einer tierärztlichen Verhaltensmedizinerin oder einem entsprechenden Tierarzt; in Einzelfällen sinnvolle medikamentöse Unterstützung (zum Beispiel Fluoxetin oder Clomipramin) – immer begleitend zu Training, nie als Ersatz




Ein Angsthund darf niemals in Konfrontation gezwungen werden („Flooding") – das verstärkt die Angst und kann Angstaggression auslösen.



Gesundheitsthemen, die häufig auftauchen




Mittelmeer-Krankheiten: Leishmaniose, Babesiose, Ehrlichiose, Anaplasmose, Dirofilariose und Hepatozoonose (eigener Ratgeber)
Hautprobleme: Demodikose, Räude, Pilzbefall
Parasitenbefall, besonders Giardien
Zahnprobleme durch Mangelernährung oder Nagen an Unpassendem
orthopädische Folgen von Unfällen, Schussverletzungen oder langer Kettenhaltung
Narben, kupierte Ruten, Ohrverstümmelungen – Zeichen einer harten Vergangenheit




Vergesellschaftung mit Erst-Tieren




Kennenlernen auf neutralem Terrain bei ausreichender Distanz
zunächst räumliche Trennung im Haushalt, gestaffelte Annäherung
Ressourcen (Futter, Wasser, Ruheplätze, Spielzeug) getrennt halten
für beide Tiere Rückzugsmöglichkeiten vorsehen
bei Katzen besonders vorsichtig: Wochen bis Monate einplanen, mit Gittertür oder Babygitter arbeiten




Rasse und Größe – ein ehrliches Wort



Viele Auslandshunde sind Mischlinge unklarer Herkunft. Bei Welpen ist die Endgröße schwer vorherzusagen. Besonders unterschätzt werden Mischlinge mit Hirten- oder Herdenschutzhund-Anteilen – aus einem niedlichen Welpen kann ein 50- oder 60-Kilogramm-Hund mit ausgeprägtem Wach- und Schutzverhalten werden. Eine seriöse Organisation spricht solche Möglichkeiten aus, auch wenn sie unbequem sind.



Kosten und Verantwortung




Schutzgebühr: meist 350 bis 550 Euro
Erstausstattung: 200 bis 400 Euro für Geschirr, Leinen, Transportbox, Körbchen
Ankunftscheck beim Tierarzt: 200 bis 400 Euro
laufende Kosten für Futter, Steuer, Haftpflicht, Routineimpfungen und Parasitenprophylaxe: 1.500 bis 2.500 Euro pro Jahr
Rücklagen für chronische Erkrankungen: Leishmaniose-Therapie verursacht lebenslang vierstellige Kosten im mittleren Bereich, Operationen können schnell 2.000 bis 5.000 Euro kosten
empfohlen: Tier-OP- oder Krankenversicherung beziehungsweise klare Rücklagen




Ein ehrlicher ethischer Hinweis



Auslandsadoption rettet Leben und ermöglicht Menschen eine sinnstiftende Beziehung zu einem besonderen Tier. Gleichzeitig sind deutsche Tierheime voll. Auch dort warten Hunde mit komplizierter Vorgeschichte auf eine Chance. Wer sich bewusst für einen Auslandshund entscheidet, sollte das unter folgenden Bedingungen tun:




nur über Organisationen mit § 11-Erlaubnis, TRACES-Meldung und Vor-/Nachkontrolle
mit realistischen Erwartungen an Eingewöhnung, Training und Gesundheit
mit ausreichender Zeit, Ruhe und finanziellen Reserven
möglichst ergänzend zu Projekten, die Kastration und Tierschutz vor Ort unterstützen – denn nur so wird das Streunerproblem nicht durch zusätzliche Nachfrage angeheizt




Auslandshunde im Tierheim-Alltag



Auch wir in Hannover nehmen immer wieder Hunde aus Partnerorganisationen im Ausland auf. Sie durchlaufen bei uns eine vollständige Quarantäne, werden auf Mittelmeer-Krankheiten getestet und gegebenenfalls behandelt, bevor sie in die Vermittlung gehen. Für Interessent:innen bieten wir eine ausführliche Beratung zu Eingewöhnung, Training und Gesundheitsrisiken an. Wer Zeit, Geduld und Struktur mitbringt, bekommt mit einem Auslandshund oft einen besonders innigen, dankbaren Begleiter – und wir begleiten den Weg gerne über die Vermittlung hinaus.







Fachquellen




Deutscher Tierschutzbund. Positionspapier: Einen Hund oder eine Katze aus dem Ausland adoptieren. Bonn.
Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH). Regelungen für Reisen und Einreise mit Hunden, Katzen und Frettchen.
ESCCAP Deutschland e. V. Hunde aus dem Ausland – Welche Tests sind sinnvoll?
Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), StIKo Vet. Impfempfehlungen Kleintier – Tollwut bei Hunden.
Gansloßer U, Krivy P. Verhaltensbiologie Hund – Praxisbuch. Kosmos Verlag.
IBH – Berufsverband der Hundeerzieher/innen und Verhaltensberater/innen. Paradigmenwechsel im Hundetraining.
